Vier Stunden später...

Vier Stunden später...

Viele von Euch werden es vielleicht gar nicht mitbekommen haben: Spreelichter wurde gesperrt - diesmal wirklich. Nicht über die von Zensursula und Co. favorisierten Internetsperren, sondern, indem man den Server nach Interventionen abschalten ließ.

Damit dürfte sich die Diskussion um das Zensurgesetz erledigt haben. Immerhin war eines der wesentlichen Argumente für das vom nun zurückgetretenen Bundespräsidenten in Rekordzeit durchgewunkene und anschließend vorläufig ausgesetzte Zugangserschwerungsgesetz, dass man die missliebigen Seiten nicht einfach abschalten könne.

"Geht doch", werden nun einige Demokraten in ihren Amtsstuben lächelnd gesagt haben. Der fürsorgliche Staat schützt seine Bürger, indem er die Meinungsfreiheit auf das "richtige Maß" begrenzt und Kritikern den Mund zuhält oder eben dafür sorgt, dass sie im Internet nicht mehr gelesen, gesehen und gehört werden können.

"Klar geht es", haben wir schon vor Monaten gesagt, als es darum ging, die Stammtischargumentation der Internetausdrucker zu widerlegen. Und wir haben uns darauf eingestellt, mit dem Ergebnis, für Euch vier Stunden später wieder erreichbar zu sein. Immerhin liegen uns die Worte "Ich liebe euch doch alle" des ebenso fürsorglichen Staates von damals mit all seinen Konsequenzen noch in den Ohren.

Die neue Idee: Rücktrittsreform

Die neue Idee: Rücktrittsreform

Nachdem Roland Koch nach über zehn Jahren im Amt als hessischer Ministerpräsident zu der Erkenntnis kam: "Politik ist nicht mein Leben", trat gestern nun Horst Köhler vom Amt des Bundespräsidenten zurück. Damit geht zum ersten Mal in der Geschichte der BRD das Staatsoberhaupt vorzeitig und mit sofortiger Wirkung aus dem Amt. Bislang hatte nur Heinrich Lübke im Jahr 1968 seinen Amtsverzicht erklärt, blieb jedoch bis zum Ende seiner Amtszeit Bundespräsident.

Begründet hatte Köhler seinen Rücktritt mit der Kritik an seiner Äußerung zum Afghanistaneinsatz der Bundeswehr, die von mangelndem Respekt für sein Amt zeuge. Nach einem Truppenbesuch sendete Deutschlandradio Kultur ein Interview, in dem Köhler sagte:

"In meiner Einschätzung sind wir insgesamt auf dem Wege, in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe, mit dieser Außenhandelsabhängigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren - zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch negativ auf unsere Chancen zurückschlagen, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern."

Später verschwand die betreffenden Stellen im Original-Interview, konnte jedoch noch über die Suchfunktion mit dem Suchbegriff "freie Handelswege" auf dradio.de gefunden werden und verbreitete sich anschließend über die Blogs im Netz. Im Zuge der Rücktrittserklärung Roland Kochs griff Deutschlandradio die Äußerung Köhlers noch einmal auf und fand so den Weg in die Medien. Die Afghanistanmission sei nicht gemeint gewesen, ließ Köhler über einen Sprecher erklären. Vielmehr habe er sich auch auf Einsätze wie etwa die Atalantamission bezogen.

Tatsächlich hat der Bundespräsident auch nicht anderes gesagt, als jedem bekannt war, der es sehen wollte. Dass die Demokraten nicht nur Krieg führen, um mutmaßliche Terroristen schon in ihren Heimatländern auszuschalten. Dass die Armee nicht nur in fremden Ländern Menschen tötet, um dort für stabile Verhältnisse zu sorgen. Dass die Einsätze nicht nur dazu da sind, Schulen und Brunnen zu bauen, sondern, dass den "kriegsähnlichen Zuständen" (zu Guttenberg) vor allem ein wirtschaftliches Interesse zugrunde liegt, das zur Sicherung der demokratischen Herrschaft notwendig ist.

Bereits 1992 formulierte CDU-Minister Volker Rühe in seinen Verteidigungspolitischen Richtlinien als Auftrag der Bundeswehr:

"Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen".

Horst Köhler ist also nicht nur der erste Bundespräsident, der mit sofortiger Wirkung vorzeitig aus seinem Amt geht, sondern auch der einzige, der geht, weil er ohne Neusprech das formulierte, was seit Jahrzenten demokratische Praxis ist. Wie es nun weitergeht, ist offen, immerhin war es der ehemalige IWF-Chef Köhler, der es sich in seiner zweiten Amtszeit zum Ziel gesetzt hatte, die "Vitalität unserer Demokratie" zu verbessern.

Albert Leo Schlageter und der Ruhrkampf

Die Franzosen im Ruhrgebiet werden unruhig – immer öfter knallt es mitten in der Nacht – da, dort, an drei, an vier Stellen gleichzeitig. Überfallkommandos jagen hin, finden gesprengte Gleise, gesprengte Brückenpfeiler – doch die Saboteure sind längst über alle Berge. Nun saßen die Franzosen auf einem Pulverfass, verdoppelten die Posten, verdreifachten die Kontrollgänge, bewachten die Gleise, setzten ein Heer von Spitzeln in Tätigkeit, um die Saboteure aufzuspüren.

Wieder eine dunkle Nacht. Kühler Märzwind strich durchs Tal. Die Äcker lagen schwarz wie Leichenfelder, wie eine schillernde Schlange windet sich das Gleis auf dem Bahndamm durchs Dunkel, unter einer Brücke gluckert schwarzes Wasser... weit und breit kein Posten!

Seine Leute kriechen zum Bahndamm. Er selbst geht leicht gebückt, schleppt Pakete mit Sprengstoff. Langsam, ohne Geräusche zu machen, erklimmen sie den Damm, werfen sich über die Schienen und heben die Löcher aus. Da – ein leises Rollen und Donnern, das rasch näher kommt.

"Zurück, der Zug!"

Ungern gehorchen sie, haben die Löcher fast fertig, aber gegen den Befehl gibt es keine Widerrede. Doch kaum in Deckung, rasen die Wagen vorbei – ein langer Güterzug mit Kohlen für Frankreich. Sie ballen die Fäuste, knirschen mit den Zähnen.

"Fahrt zur Hölle!"

Der Zug ist vorüber, nichts rührt sich mehr. Schon ist der Bahndamm wieder erreicht, sie wühlen im Schotter.

"Die Patronen! Die Zünder! Fertig!"

"Moment!" zischte es zurück. "Schnell!" befiehlt Schlageter. "Der Posten..."

Es kommt kein Posten, aber plötzlich schießt weißes Licht aus der Höhe, ein riesenhafter Kegel tastet sich über die Bäume vor, huscht über die Wiese auf den Bahndamm zu, über Schotter und Schienen.

"Scheinwerfer! Still liegen! Nicht rühren!"

Dicht an die Erde gedrückt liegen die Männer, halten den Atem an, fühlen die kalte Hand des Todes im Nacken. Doch der Lichtkegel geistert weiter über das dunkle Wasser, erlischt endlich.

"Fertigmachen! Seid ihr soweit?"

"Ja – ja!" kommt es zurück.

"Dann – los!"

Blitzschnell springen sie vom Bahndamm, noch vor Erreichen des Waldes schallen zornige Rufe durch die Nacht.

"Halt... Ha-alt!"

Schüsse knallen, Kugeln zischen, die Männer rennen um ihr Leben. Dann aber dröhnt die Erde, Feuer fährt aus dem Boden, eine Wolke von Erde und Steinen schießt zum Himmel, wie Kanonenschüsse krachen die Explosionen, das ganze Gleis ist weggefegt – dort werden so schnell keine Züge mehr rollen!

Doch das Schicksal ist bereits gewoben – wie bei keinem anderen Volk liegen unerschütterlicher Heldenmut und Verrat dicht beieinander. Armin, der Cheruskerfürst, der Held, der sein Volk aus der Sklaverei errettete und es zur Freiheit führte, starb am Ende durch Verrat und Tücke. Ziehen die Deutschen denn nie eine Lehre daraus? Werden sie nie klug? Große Worte haben sie oft von Treue und Einigkeit, schöne, richtige Worte. Doch in Wirklichkeit sind sie in hundert Parteien zerspalten, führen den ewigen erbitterten Bruderkrieg.

Auch die Schlinge um die Gruppe "Heinz" zog sich durch Verrat zu. Die Franzosen erfuhren fast alle Namen der Gruppe – und als am 15. März 1923 nach einem gelungenen Anschlag auf die Bahnbrücke bei Calcum Schlageter den Fehler beging, sich in einem Gasthof mit seinem richtigen Namen einzutragen, war sein Schicksal besiegelt.

Albert Leo Schlageter wird am 7. April verhaftet – bei ihm findet man Pistolen, Koffer mit Sprengstoff, falsche Pässe.

Am 14. April schreibt er aus dem Gefängnis Düsseldorf-Werden:

"Lieber Heinz!

Verdammt faule Lage. Keine Haaresbreite fehlte, und ich hätte schon Sonntag die Ehre gehabt, bei Petrus zu speisen. Verhör, Standgericht, Verhör, nochmals Standgericht, bis endlich das erlösende Wort kam vom Divisionsgeneral: Abführen nach Gefängnis Werden.

Aufatmen an der ganzen Front. Doch freuen sie sich nicht, denn sie werden hängen statt meiner. Die ganze Wucht gemeiner Verräterei wurde von mir auf sie weiter gewälzt. Auch v. d. D. hat manches abbekommen. Sie werden sich danach einzurichten wissen. Ja nicht schnappen lassen!

Nun Gruß und Heil an alle

Euer Schl."

An seine Eltern schreibt er am 22. April:

"Liebe Eltern und Geschwister!

Soeben habe ich Euren und der Tante Brief erhalten. Tausend Dank dafür. Nun kann ich endlich etwas erleichtert aufatmen, da ich weiß, dass Ihr alle gesund seid und mit Gottes Hilfe den ersten Schmerz und vor allem den Schrecken über die Nachricht hinter Euch habt. Es waren seit meiner Verhaftung am 7. April bis heute entsetzliche Tage. An mich konnte ich gar nicht denken, mein Schicksal war auch Nebensache; ich habe gehandelt aus Liebe zu Euch, zu meinem Vaterland; ich weiß dafür zu büßen. Die Größe meiner Strafe kann mich nicht schrecken noch traurig machen. Wäre ich allein auf der Welt, wüsste ich überhaupt nicht, was es Schöneres geben könnte, als für sein Vaterland zu sterben. Aber um Euch habe ich gebangt Tag und Nacht. Hätte ich Euch das ersparen können, ich wäre gern zwei- oder dreimal vor die Kugel getreten. Bleibt weiter so tapfer, hofft weiter! Sollte keine Änderung eintreten, dann denkt, ich bin an irgend einer Krankheit oder sonst was plötzlich gestorben. Zwar ein paar Jahre früher, als zu erwarten war, doch das kommt ja öfter vor. Die Adresse von Familie Zeller könnt Ihr mir vielleicht das nächste Mal auch mitschreiben. Also noch einmal tausend Dank für die Briefe und herzliche Grüße an Euch alle, besonders Vater und Mutter.

Euer Albert."

Am 5. Mai wurde Albert Leo Schlageter die Anklageschrift zugestellt, am 8. Mai 1923 sollte die Verhandlung beginnen. Die Verteidiger erhielten ihre Ladungen in einem gewöhnlichen Brief – einige erst am Morgen des 7. Mai, hatten also nicht einmal 24 Stunden Zeit, um sich auf die "Gerichtsverhandlung" vorzubereiten...

Wochen-Jingle: Konspirative Anrufe 002

Wochen-Jingle: Konspirative Anrufe 002

Was in der politischen Praxis so alles schief gehen kann...

Sex, Drugs and Korruption

Sex, Drugs and Korruption

Etwa fünf Wochen ist es nun her, als die Bohrinsel "Deepwater Horizon" nach einer Explosion am 22. April vor der US-Südküste versank und damit einhergehend eine Katastrophe auslöste, deren Ausmaße und Folgen für das Ökosystem der betroffenen Gebiete noch nicht absehbar sind.

Täglich strömen ca. 1,9 Millionen Liter Öl ins Meer, mindestens 66,5 Millionen Liter sind seit dem Untergang der Bohrinsel demnach bereits ausgetreten, über 160 Kilometer Küste wurden im US-Bundesstaat Louisiana mittlerweile mit einem Ölfilm überzogen. Derweil haben Forscher einen neuen Ölschwaden entdeckt, welcher von der Wasseroberfläche bis in eine Tiefe von 1000 Meter hinab reicht und mit ca. 35 Kilometern Länge und 10 Kilometern Breite eine unvorstellbare Menge Öl mit sich führt – er ist bereits der zweite seiner Art.

Ebenso schmierig wie der Ölfilm, der der Tier- und Pflanzenwelt an der Südküste der USA zum Verhängnis wird, scheint jene staatliche Kontrollbehörde zu sein, deren Aufgabe es unter anderem ist, Sicherheits- und Umweltstandards auf Bohrinseln zu überprüfen.

Bereits im August 2004 wurden bei einem Unfall und Gefahrentest auf der "Deepwater Horizon" 27 Risikostellen identifiziert, unter anderem die Gefahr einer Gasexplosion an der Unterwasser-Bohrstelle und ein potenzielles Versagen des zentralen Sicherheitssystems der Bohrinsel. In den folgenden Jahren wurden weitere Sicherheitsmängel festgestellt - Konsequenzen für den Betrieb der Bohrinsel gab es aber scheinbar keine.

Angesichts eines vor kurzem veröffentlichten Untersuchungsberichts des Innenministeriums in Washington überrascht das auch wahrlich nicht. So gehört es in der Bundesbehörde Minerals Management Service (MMS) scheinbar zum guten Ton, sich von den Ölkonzernen kaufen zu lassen, mit der Folge, dass Bohrgenehmigungen fernab sämtlicher Kontrollen wie Visitenkarten vergeben wurden.

Diverse Wahlspenden der Ölindustrie an US-Demokraten, vor allem während der "Bush-Ära", scheinen hierbei nur den vergleichsweise "harmlosen" Teil auszumachen. So ist bekannt, dass Kontrolleure des MMS wiederholt zu Jagd- und Angelausflügen eingeladen wurden oder Tickets für Footballspiele erhielten.

Ein Inspektor wurde im Jahre 2008 damit beauftragt, vier Plattformen zu kontrollieren – zur gleichen Zeit bewarb er sich um einen Job bei der Firma, welche die Plattformen betrieb. Bei anderen Inspektoren verlief die "Karriere" genau andersrum. Bevor sie für den MMS tätig wurden, waren sie jahrelang in Öl- und Gaskonzernen beschäftigt – dem engen Kontakt zu ihren Freunden in den Chefsesseln von BP und Co tat das natürlich keinen Abbruch. Laut CNN sei das Verhältnis zwischen Kontrolleuren und den zu Kontrollierenden teilweise sogar noch inniger. Sex zwischen MMS-Angestellten und den Mitarbeiterinnen der Öl-Konzerne war demnach keine Seltenheit.

Für den reibungslosen Ablauf der Zusammenarbeit reichten Inspektoren die leeren Formulare zur Qualitätsprüfung direkt an die Ölfirmen weiter, sodass die von ihnen erwünschten Ergebnisse nur noch mit Bleistift eingetragen werden mussten - die staatliche Kontrollbehörde zeichnete mit Kugelschreiber brav nach. Da macht es dann auch keinen Unterschied mehr, dass Angestellte der Behörde während der Kontrollen offenbar unter dem Rausch der Partydroge "Crystal Meth" standen.

Doch wer glaubt, dass die Tendenz, nach der Politiker und einflussreiche Staatsbeamte sich von der Industrie korrumpieren lassen, lediglich im Land der wahrlich unbegrenzten Möglichkeiten vorzufinden ist, während bundesdeutsche Demokraten ihren politischen Tätigkeiten immer im Zeichen vom Wohle aller, niemals jedoch zum Vorteil zahlungskräftiger Einzelner nachgehen, dem sei an dieser Stelle nur noch einmal die Ermäßigung der Mehrwertsteuer für die Hotelbranche durch die FDP in Erinnerung gerufen, welcher zufälligerweise eine Millionen Euro schwere Spende der Familie Finck als Besitzer des Großteils der Hotelkette Mövenpick an die Liberalen vorausging.

Warum war das möglich?

Warum war das möglich?

Im Januar 2009 liest der Autor Roman Graf in Hoyerswerda aus seinem Buch, "Die Grenze durch Deutschland". Die Schüler der 11. Klasse des Lessing-Gymnasiums der einstigen sozialistischen Vorzeigestadt schweigen bestürzt. Es ist die Geschichte einer tödlich gescheiterten Flucht aus der DDR.

"Warum war das möglich?", fragt die Lehrerin. Der Grenzsoldat habe wahrscheinlich aus Angst vor Strafe geschossen, antwortet ein Schüler. Er habe ja zur Armee gemusst und auf Befehl geschossen. "Und aus Überzeugung", meint eine Mitschülerin. Er habe nicht gewusst, dass es ein Verbrechen ist, was er tat, er sei ja politisch geschult gewesen. Doch war der Schießbefehl nicht offensichtlich menschenrechtswidrig?

Die kleinen Schwindeleien, die helfen, das Geschehene zu ertragen, zu rechtfertigen und aus denen die großen Lügen gemacht werden: Nichts gewusst, keine Wahl, wie befohlen, nichts zu ändern. Aber keiner wurde gezwungen, zu den Grenztruppen zu gehen. Er hätte daneben schießen können, ohne bestraft zu werden.

"Wir konnten nicht anders, wir mussten ja, wir haben das nicht gewusst, wir haben im besten Glauben gehandelt." "Meinen Eltern ging es gut", sagt ein Schüler, "die sahen keinen Grund, sich aufzulehnen". Und eine andere Schülerin: "Die meisten waren halt Mitläufer, wie heute auch."

"Da müssten viel mehr auf die Straße gehen, so wie die im Fernsehen immer zeigen", sagt eine Anwohnerin nach der Demonstration am 1. Mai 2010 in Hoyerswerda. "Es sind doch so viele Arbeitslose, so viele, denen es schlecht geht, warum gehen die nicht auf die Straße? Arbeiter habe ich Sonnabend auch auf der Straße gesehen, die sind da mitgelaufen, aber die ganzen Arbeitslosen, warum machen die da nicht mit?" Doch warum machte sie nicht mit? Weil es ihr gut geht und sie keinen Grund sieht, sich aufzulehnen? Wie damals?

Ein Anwohner in der Straße des Friedens: "Ich finde es in Ordnung, wenn junge Leute friedlich ihre Meinung äußern. In vielen Anliegen haben sie Recht, Deutschland macht nach außen einiges und für uns zu wenig." Ein Anwohner in der Bautzener Allee: "Die jungen Leute haben noch Mumm in den Knochen." Am Hochhaus am Knie: "Ist richtig so, sagt ja sonst keiner was." Am Lausitzplatz: "Hier müssten alle auf die Straße gehen, woanders geht es doch auch, die Leute nehmen alles nur hin."

Doch warum ging er nicht auf die Straße, als die Gelegenheit da war? Weil auch er alles nur hinnimmt? Weil er gelernt hat, nicht "Nein!" zu sagen, wenn es für ihn besser ist, mit "Ja!" zu antworten? Weil man hier in Ruhe alt werden kann, wenn man sich raus hält? So wie wir unsere Eltern nach Ulbricht, Honecker und Mielke fragten, werden uns einst unsere Kinder nach den Verantwortlichen dieses Systems fragen - und danach, warum das alles möglich war. "Die meisten waren halt Mitläufer", wird dann einer antworten.

Türkei fürchtet Zyperns erneutes Veto

Türkei fürchtet Zyperns erneutes Veto

Gut einen Monat nach dem Machtwechsel in der "Türkischen Republik Nordzypern" sind die Gespräche über eine Wiedervereinigung der seit Jahrzehnten geteilten Mittelmeerinsel wieder aufgenommen worden. Rasche Ergebnisse werden nicht erwartet - was vor allem der Türkei große Sorgen bereitet, die befürchtet, dass der ungelöste Zypern-Konflikt der türkischen EU-Bewerbung schon bald endgültig den Garaus machen könnte.

Zypern liegt seit Jahrtausenden im Vorfeld der Auseinandersetzung zwischen Europa und Asien – schon um 700 vor der Zeitrechnung lieferten sich Phönizier mit Assyrern und Ägyptern Kämpfe um die Insel. Bis 58 vor der Zeitrechnung war sie im Besitz der hellenischen Ptolemäer, wurde dann bis 395 römisch, bis 1191 byzantinisch, zeitweise selbstständig und 1571 türkisch. 1878 übernahm England die Verwaltung, hob nach Beginn des 1. Weltkrieges das türkische Hoheitsrecht auf und machte Zypern 1925 zur Kronkolonie.

Die Griechen auf der Insel kämpfen seit dem 19. Jahrhundert für einen Anschluss an Griechenland, bekämpften Türken und Engländer, wagten 1931 einen Aufstand, der aber, wie auch alle anderen Angriffe gegen die Fremdherrschaft, blutig niedergeschlagen wurde. Nach einem jahrelangen Guerillakampf wurde 1959 im griechisch-britisch-türkischen Dreimächtevertrag die Unabhängigkeit Zyperns und die Stationierung von Truppen aus Griechenland und der Türkei festgelegt.

1963 brach ein Streit über die Rechte der "türkischen Zyprioten" aus und führte zu einem "Bürgerkrieg" zwischen Europäern und Asiaten. Im Jahre 1964 wurde eine UN-Friedenstruppe zwischen den Völkern auf der Insel eingesetzt, die bis heute dort im Einsatz ist.

1974 versuchten die Griechen den Anschluss an Griechenland – die Türken setzten ihre Militärmacht ein, eroberten große Teile der Insel und proklamierten ihrerseits nun den "Türkischen Föderationsstaat von Zypern", der aber auch als "Türkische Republik Nordzypern" bis heute von niemand anderen als den Türken selbst anerkannt wurde. Die UN vermittelte zwar einen Waffenstillstand, eine Lösung des Zypern-Konfliktes aber war nicht möglich.

In den Jahren danach wurden die Bemühungen um eine "Wiedervereinigung" intensiver – ein Zypern sollte entstehen und Mitglied der EU werden. Doch als besonders schöne Voraussetzung dafür war ein "Referendum" zur Vereinigung vorgeschlagen, dem beide Volksgruppen hätten zustimmen müssen. Dem aber erteilten die nun wieder als "nationalistisch" verfemten Griechen auf der Insel eine Absage und stimmten mit 65 von Hundert dagegen. Die Türken hatten – im wesentlich ärmeren Teil der Insel wohnend – zu 76 von Hundert zugestimmt, weil sie sich einerseits natürlich wirtschaftliche Besserung von außen erhofften und andererseits die Vorreiter der Türkei in der EU sein wollten. Politisch wäre dies für die angestrebte Aufnahme der Türken äußerst bedeutsam gewesen.

So zählt seit dem 1. Mai 2004 nur der wundersam reiche europäische Teil Zyperns zur EU und die Griechen besiegelten sowohl die Grenze nach Asien, als auch ihren Verzicht auf die geraubten Gebiete, die sie im Falle der Zustimmung hätten wiedererlangen können.

Die Griechen hatten sich für ihr Volk und gegen ein künstliches Staatsgebilde entschieden. Denn niemals kann fruchtbringend zusammenwachsen, was nicht zusammengehört. Die Gleichmacher dieser Welt aber sind tief enttäuscht, machen "Starrsinn, Egoismus, Nationalismus und Blindheit" dafür verantwortlich, dass die "Wiedervereinigung" scheiterte. Sonst sind sie immer "tolerant" und predigen der "Mehrheitsentscheidung" das Wort – aber natürlich nur dann, wenn die gewünschten Ergebnisse zustande kommen.

Albert Leo Schlageter und die Ruhrbesetzung

Der 11. Januar 1923 – ein großer Tag für den französischen Ministerpräsidenten Poincaré, der nie vergessen konnte, dass er 1914, als die deutschen Heere vor Paris standen, heimlich mit seiner Frau mitten in der Nacht nach Bordeaux geflohen war.

"Pfui über diesen Feigling!" zeterten damals die Pariser. "An den Galgen mit dem Verräter!"

Aber das Blatt hatte sich gewendet – die verhassten Deutschen waren niedergezwungen, durch den Versailler Vertrag völlig entwaffnet, durch ungeheure Reparationszahlungen auf lange Zeit geknechtet. Doch jetzt folgte der härteste Schlag – der Griff nach der Ruhrkohle! Einen Teil derselben hatte das Diktat von Versailles den Deutschen bereits entrissen; aber auch das genügte Paris nicht. Deutschland selbst musste bereits Kohle aus England einführen, während sich in Frankreich die deutschen Kohlen zu Bergen häuften.

Als Streiks im Ruhrgebiet ausbrachen, konnten kleine Mengen an Kohlen und Telegrafenmasten nicht mehr an Frankreich geliefert werden und Deutschland geriet in Rückstand. Poincaré triumphierte – voll heuchlerischer Entrüstung rief er in den Saal der französischen Deputiertenkammer:

"Seht, meine Herren, so sind sie, diese treulosen, wortbrüchigen Barbaren: den Vertrag von Versailles haben sie unterschrieben, doch jetzt brechen sie ihn, stellen die Kohlenlieferungen aus dem Ruhrgebiet ein. Aus Bosheit und bösem Willen. Aber wir lassen uns nicht von ihnen narren, o nein, wir ziehen an die Ruhr!"

"Viva Poincaré!" jubelten sie ihm zu – die Schmach von Bordeaux war vergessen. "An die Ruhr!" wurde geschrien.

So kam es am 11. Januar 1923. Entsetzen machte sich breit – die Franzosen kommen! Die Engländer erkennen den Bruch des Völkerrechts, wenden sich gegen die Besatzung, auch Deutschland erhob Widerspruch – doch die Franzosen kümmern sich nicht um papierne Proteste und den greisenhaften Völkerbund.

Heuchlerisch verkündet Poincaré, er müsse die französischen Ingenieure schützen – keine zwei Dutzend Männer, die nun von 120.000 Soldaten, Infanterie, Artillerie, Panzerwagen begleitet wurden. Das nannte Poincaré scheinheilig die "friedliche Ruhrbesetzung".

Deutschland war wehrlos – keine Waffen, keine Munition, kein Geld. Der kommandierende General Degoutte befiehlt:

"Über das Ruhrgebiet ist der Belagerungszustand verhängt... die deutschen Behörden haben den Befehlen der französischen Besatzungstruppen Folge zu leisten... Ansammlungen auf der Straße sind verboten... Das Singen aufrührerischer Lieder ist nicht gestattet... Auf den Anruf "Halt" hat jeder sofort stehen zu bleiben, wird nicht sofort stillgestanden, so erfolgt Gebrauch der Schusswaffe... Abends 9 Uhr müssen alle Lokale geschlossen sein; auch der Verkehr auf den Straßen ist um diese Zeit gesperrt."

Die Weimarer Regierung unternimmt nichts und befiehlt, nichts gegen den Feind zu unternehmen, sondern ihm nur "passiven Widerstand" zu leisten. Die Franzosen kosten ihre Besatzungsmacht mit der Peitsche aus – wer den Gehweg nicht freimacht, wer nicht Zimmer hergibt, wer sich "Beschlagnahmungen" widersetzt, wer sich in einer Ansammlung befindet, wer als Zuschauer in "Wilhelm Tell" den Rütlischwur laut mitspricht, muss die Peitsche fürchten.

Der schlimmste Übergriff auf die deutsche Bevölkerung aber war das Blutbad, das französische Soldaten am 31. März 1923 unter den unbewaffneten Krupp-Arbeitern in Essen anrichteten – 13 Tote und 29 Verletzte blieben zurück. Die Ruhrbesetzung forderte insgesamt 140 Tote, die Besatzer verhängten 1.500 Jahre Zuchthaus, über 130.000 Deutsche wurden ausgewiesen, unzählige geschlagen und gedemütigt.

Im Hinterzimmer eines Gasthauses sitzt Albert Leo Schlageter mit einem Dutzend Männer um einen Tisch – Männer aus der Organisation "Heinz", die sich nun erneut zusammengefunden haben und weder Tod noch Teufel fürchten. Heinz Hauenstein, Krause, Sadowski, Werner, Becker, Bisping, Zimmermann, Kuhlmann und einige andere.

Das Bataillon "Heinz" wird wieder lebendig, will den aktiven Widerstand organisieren – doch Anschläge auf die französische Besatzungsmacht kommen nicht in Frage – darüber sind sich die Männer um Hauenstein und Schlageter schnell einig. In kleinen Gruppen sickern sie in das Ruhrgebiet ein; Schlageter erreicht Essen – der Krieg im Dunkeln beginnt.

Ziel: die Bahngleise nach Duisburg und Düsseldorf – hier rollten die Kohlenzüge nach Frankreich hinüber. Die Millionenwerte, wegen der die Franzosen das Ruhrgebiet besetzt hielten.

...lade
 

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