Warum war das möglich?

Warum war das möglich?

Im Januar 2009 liest der Autor Roman Graf in Hoyerswerda aus seinem Buch, "Die Grenze durch Deutschland". Die Schüler der 11. Klasse des Lessing-Gymnasiums der einstigen sozialistischen Vorzeigestadt schweigen bestürzt. Es ist die Geschichte einer tödlich gescheiterten Flucht aus der DDR.

"Warum war das möglich?", fragt die Lehrerin. Der Grenzsoldat habe wahrscheinlich aus Angst vor Strafe geschossen, antwortet ein Schüler. Er habe ja zur Armee gemusst und auf Befehl geschossen. "Und aus Überzeugung", meint eine Mitschülerin. Er habe nicht gewusst, dass es ein Verbrechen ist, was er tat, er sei ja politisch geschult gewesen. Doch war der Schießbefehl nicht offensichtlich menschenrechtswidrig?

Die kleinen Schwindeleien, die helfen, das Geschehene zu ertragen, zu rechtfertigen und aus denen die großen Lügen gemacht werden: Nichts gewusst, keine Wahl, wie befohlen, nichts zu ändern. Aber keiner wurde gezwungen, zu den Grenztruppen zu gehen. Er hätte daneben schießen können, ohne bestraft zu werden.

"Wir konnten nicht anders, wir mussten ja, wir haben das nicht gewusst, wir haben im besten Glauben gehandelt." "Meinen Eltern ging es gut", sagt ein Schüler, "die sahen keinen Grund, sich aufzulehnen". Und eine andere Schülerin: "Die meisten waren halt Mitläufer, wie heute auch."

"Da müssten viel mehr auf die Straße gehen, so wie die im Fernsehen immer zeigen", sagt eine Anwohnerin nach der Demonstration am 1. Mai 2010 in Hoyerswerda. "Es sind doch so viele Arbeitslose, so viele, denen es schlecht geht, warum gehen die nicht auf die Straße? Arbeiter habe ich Sonnabend auch auf der Straße gesehen, die sind da mitgelaufen, aber die ganzen Arbeitslosen, warum machen die da nicht mit?" Doch warum machte sie nicht mit? Weil es ihr gut geht und sie keinen Grund sieht, sich aufzulehnen? Wie damals?

Ein Anwohner in der Straße des Friedens: "Ich finde es in Ordnung, wenn junge Leute friedlich ihre Meinung äußern. In vielen Anliegen haben sie Recht, Deutschland macht nach außen einiges und für uns zu wenig." Ein Anwohner in der Bautzener Allee: "Die jungen Leute haben noch Mumm in den Knochen." Am Hochhaus am Knie: "Ist richtig so, sagt ja sonst keiner was." Am Lausitzplatz: "Hier müssten alle auf die Straße gehen, woanders geht es doch auch, die Leute nehmen alles nur hin."

Doch warum ging er nicht auf die Straße, als die Gelegenheit da war? Weil auch er alles nur hinnimmt? Weil er gelernt hat, nicht "Nein!" zu sagen, wenn es für ihn besser ist, mit "Ja!" zu antworten? Weil man hier in Ruhe alt werden kann, wenn man sich raus hält? So wie wir unsere Eltern nach Ulbricht, Honecker und Mielke fragten, werden uns einst unsere Kinder nach den Verantwortlichen dieses Systems fragen - und danach, warum das alles möglich war. "Die meisten waren halt Mitläufer", wird dann einer antworten.

27.05.10

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Kommentare

Ben
28.05.10 um 09:01
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Kommentar 1

Auch wenn viele Menschen diese und andere Demos gut heißen, heimlich oder offiziell Sympathie für uns bekunden und selbst innerlich mit diesem System abgeschlossen haben, so bleibt es doch nur träge Masse, für die den Auslöser zum aktiven Widerstand einzig ein leerer Kühlschrank darstellen wird. Solange sie sich in ihrem persönlichen Dasein nicht fundamental gefährdet sehen, wird sich bei ihnen auch nix regen.

Die Frage sollte sich also stellen, ob und wie man in Zukunft statt auf Masse, lieber gezielt auf zukünftige Leistungsträger Einfluss nehmen sollte?

Bsp. Propaganda vorallen an Hochschulen und Gymnasien?



Karl
28.05.10 um 10:18
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Kommentar 2

@Ben(1): An Hochschulen und Gymnasien gibt es genauso viele (wenn nicht mehr) nur auf das eigene Fortkommen bedachte "System-Mitläufer" wie an Hauptschulen oder vor Arbeitsämtern. Die Frage, wer eine Volksbewegung trägt, ist noch nie eine Frage des Intellekts oder gar der erworbenen Bildung, sondern stets eine Frage innerer Einstellung gewesen, eine Frage des Selbstverständnisses, ob man sich nur für sich oder für ein Ganzes verantwortlich fühlt.

Gezielter EInfluss auf "zukünftige Leistungsträger" des Systems ist obendrein zirkelschlüssig, da jede erfolgreiche Einflussnahme dazu führt, dass die Person gerade kein zukünftiger Leistungsträger des Systems werden will...



frosch
28.05.10 um 11:16
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Kommentar 3

Weil die meisten Menschen Angst haben, Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen.....wer schweigt, stimmt zu....

http://xhoyerswerdax.blogspot.com/2009/10/nichts-horen-nichts-sehen-nichts-sagen.html



xxx
28.05.10 um 19:35
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Kommentar 4

Wie es ein großartiger Liedermacher beschreibt, muss man sich die Frage stellen, ob es unserem Volk zu gut geht oder ob wir nur zu schlecht sind.

Mensch wir werden fettgefüttert.
Mit Kampagnen, immer neu.
Und ich krieg das große Kotzen
Mensch, ich fraß schon massig Heu.
Pappkartons voll leerer Worte
Mann, der Fraß macht mich kaputt.
Gestern noch die große Losung
Heute nur noch Phrasenschrott.

Überholen ohne einzuholen
Das ist DDR konkret
Idioten macht man zu Idolen
Wenn sie loben, was besteht.

Gerulf Pannach



Bobby
29.05.10 um 11:06
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Kommentar 5

http://www.youtube.com/watch?v=NPDWdUIrTbQ



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