Mehr als nur dagegen sein

In unserer Zeit gründet sich die bestehende demokratische Ideologie auf das gesellschaftliche Weltbild von der Gleichheit aller Menschen. Wird dieses Weltbild durch wissenschaftlich-biologische und historische Erkenntnisse unhaltbar, zerbricht damit auch die Vorherrschaft der westlichen Demokratie.

Das Weltbild ist im Unterschied zur Weltanschauung das Wissen um die Welt als Gesamterscheinung in ihrem Aufbau, ihrer Zusammensetzung und die in der Welt wirksamen Ordnungen, Gesetze und Kräfte. So spricht man von einem physikalischen und biologischen Weltbild, das dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Forschung entspricht. Erst von hier aus werden die Schlüsse gezogen, die auf das Dasein des Menschen hinweisen, sodass Weltbild und Weltanschauung in einem gewissen Zusammenhang stehen und sich notwendig ergänzen.

Heute können wir uns kaum vorstellen, wie das Weltbild der europäischen Menschen noch vor 500 Jahren ausgesehen haben mag. Es wurde sowohl religiös als auch wissenschaftlich bestimmt durch die Erzählungen des Alten Testaments: Die Menschen richteten sich immer wieder bei Katastrophen auf das Erscheinen eines "Jüngsten Tages" ein, glaubten über sich einen begrenzten Himmel zu wissen und waren fest davon überzeugt, beim Durchschreiten nach einer Richtung auf der Erde irgendwo ans Ende der Welt zu gelangen.

Nikolaus Kopernikus (1473-1543) zerschlug das alttestamentarische und ptolemäische Weltbild, das aus der Erdscheibe, Himmel, Hölle und den dazugehörigen Schauergeschichten bestand. Dazu gehörte ein ungeheurer Mut, da mit dem neu gefundenen Weltbild die Grundlage der römisch-katholischen Weltmacht dahinsank, die sich auf das bisherige Weltbild gegründet hatte. Daher wurden die Schriften des Kopernikus von der römischen Kirche auf den "Index verbotener Schriften" gestellt - dort stehen übrigens noch heute zahlreiche Schriften, wie z.B. "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" von Alfred Rosenberg.

Heute versteht niemand mehr, wie Menschen, die vorgaben, einen gesunden Verstand zu besitzen, das kopernikanische Weltbild ablehnen konnten. Kopernikus und die anderen kühnen Entdecker aber hatten keinen seelischen und geistigen Ersatz bereit für das Untergehende. Hätte man ihn nach einem Neuanfang für das Entschwindende gefragt, hätte er wohl keine Antwort geben können. Doch nach der Zerstörung eines alten Glaubens, einer alten Idee, muss eine neue Idee an dessen Stelle treten, die sich zukunftsträchtig erst dann entfalten kann, wenn das Bestehende vollends gescheitert ist und in Trümmern daniederliegt.

Deutschland erlebte 1989 in der sowjetisch besetzten Zone den endgültigen Zusammenbruch der DDR, weil das seinerzeit bestehende System keine Antworten mehr auf die Fragen der Gegenwart hatte. Die Unzufriedenen, die da "Wir sind das Volk" riefen, waren in der Gesamtheit gegen das alte System und revoltierten dagegen; aber sie traten nicht für ein neues System, eine neue Idee oder einen neuen Glauben ein und sie waren im Ganzen nicht organisiert.

Als Organisation hätte man sie auch früher als echte Bedrohung empfunden, ein richtiges Ziel gehabt, sie verfolgt und zuletzt auch auf sie geschossen. So war das Ende der DDR zwar friedlich, doch die Revolution war gestalt- und formlos, schaffte nichts Neues, verlief sich und wurde vom verwandten System der BRD aufgesogen. Für eine neue Bewegung fehlte die neue verbindende Idee. Die Wortführer verschwanden von der Bildfläche oder in den Altparteien der BRD – sie hatten es auch in der Phase des Zusammenbruchs nicht mehr vermocht, eine Volksbewegung für eine neue Ordnung zusammen zu schmieden.

19.07.10

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Kommentare

Sokrates
20.07.10 um 03:29
antworten

Kommentar 1

Guter Text; nett ausformuliert und durchdacht. Aber die klare Aussage ist für mich nur schwer herauslesbar. Aber ich werde sicher geläutert ;D



Nada
20.07.10 um 13:29
antworten

Kommentar 2

Hm… die Aussagen sind doch bis auf eine ohne Weiteres rauszulesen:

1. Die Macht vorherrschender Systeme schwindet, wenn das zugrundeliegende Weltbild durch wissenschaftliche und historische Erkenntnisse überholt wird.

2. Eine neue Anschauung kann sich erst dann erfolgreich durchsetzen, wenn die alte zerbricht, der Wirklichkeit nicht mehr gerecht wird.

3. Eine politische Bewegung, die es nicht schafft, an die Stelle der alten Idee eine neue zu setzen, scheitert.

4. (Das ist der Teil, wo man nun selbst überlegen muss, der aber auch schon mehrfach auf der Seite angesprochen wurde.) Folglich muss unser Kampf kein Ringen um Meinungsumfragen, Mandate und Parlamentssessel, sondern ein Kampf um das Bewusstsein des deutschen Menschen, eben ein weltanschaulicher Kampf sein.



E.
22.07.10 um 12:28
antworten

Kommentar 3

An Nada:

So ist es zwar, aber wie will man das Bewusstsein der Deutschen wecken? Die Reizüberflutung sowie die gesamte Komplexität des Lebens wird immer gigantischer, so dass unsere weltanschaulichen Vorstellungen an der Masse kläglich abprallen. Zwar wurde die Geschichte nie von Masse geschrieben, sondern immer von der Avantgarde des Volkes, aber auch hier ist nichts zu vernehmen...



Bobby
22.07.10 um 21:39
antworten

Kommentar 4

"Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen auf die Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll. Handelt es sich aber, wie bei der Propaganda für die Durchhaltung eines Krieges, darum, ein ganzes Volk in ihren Wirkungskreis zu ziehen, so kann die Vorsicht bei der Vermeidung zu hoher geistiger Voraussetzungen gar nicht groß genug sein."

A.H. in "Mein.........."



Karl
22.07.10 um 21:49
antworten

Kommentar 5

@Bobby(4): Es kommt wohl auf das Ziel der Propaganda an. Derartige Propaganda von "rechts" gibt es zur Genüge. In der Propaganda aber, die im Artikel angesprochen wird, geht es um eine Vorstufe des von Dir zitierten Bereichs, nämlich darum, die Träger einer weltanschaulichen Bewegung überhaupt erst zu finden. Da kann nicht auf Minimalniveau (wie bei einem durchzuhaltenden Krieg) argumentiert werden, sondern nur ganzheitlich, tiefgründig, wissenschaftlich fundiert und deshalb auch für den "Gebildeten" überzeugend.

Bezogen auf die Propaganda "für die [dummen] Massen" liegst Du zweifellos richtig - BILD etc. liefern täglich den Beweis. Jetzt gilt es aber zunächst, d i e Kreise in hinreichender Personenstärke zu aktivieren, die heute Propaganda auf BILD-Niveau machen können - denn ohne [wenige fähige] Träger einer Bewegung wird auch keine Volksbewegung daraus erwachsen.



Bobby
23.07.10 um 06:26
antworten

Kommentar 6

Vollkommen richtig!
Der zweite Teil sollte nur dafür sorgen, dass das Zitat nicht ganz aus dem Zusammenhang gerissen wird. Diese Träger zu finden wird wohl in dieser Welt aus Neid und Missgunst eine große Aufgabe bleiben.



E.
23.07.10 um 12:57
antworten

Kommentar 7

An Bobby:

Wie ich in meinem vorherigen Beitrag schon schrieb, sind aufgrund der erhöhten Reizüberflutung und auch der gestiegenen Komplexität des Lebens die von dir gezogenen Parallelen nicht mehr zwingend gültig.

Natürlich zieht man nur das an, was man auch ausstrahlt (Zielgruppenanalyse). Hierzu muss man aber erst einmal eine gewisse Außenwirkung haben (egal wen man nun gewinnen will), was in der heutigen Zeit sehr schwierig ist. Vor allem für den NW. Und selbst wenn man hin und wieder über eine gewisse Wirkung verfügt, so heißt das auch noch nichts, da sich unser Volk in einer Lethargie befindet, die alles um es herum gleichgültig erscheinen lässt. Man kann dies an der Struktur des NW gut erkennen, denn er verfügt über fast keine Führungskräfte, bei denen ein weltanschauliches Fundament erkennbar ist und das nach 60 Jahren (!) Reorganisation.



Billy
22.07.11 um 16:55
antworten

Kommentar 8

Das Alte Testament berichtet nicht von einer flachen Erdscheibe, sondern von einem "Rund", das "über dem Nichts aufgehängt ist".

Die Kugelgestalt der Erde war im europäischen Mittelalter auch bekannt.

Kopernikus hat davon nichts "zerschlagen", die Ablösung des geozentrischen Weltbildes beschränkt sich allein auf die Umlaufbewegungen der Erde, das hat nichts mit ihrer Form zu tun.



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