"Kommse, gehense" - "Sommerfest" der zur "Linken" umbenannten SED in Lübbenau

Kommse, gehense - Sommerfest der zur Linken umbenannten SED in Lübbenau

Die Jacke in Honecker-Blau spannt sich nun schon mühevoll um den ausladenden Bauch, die Ärmel schlackern um die dünnen Gelenke, in der Luft hängt ein modriger Geruch. Monoton wirkt die Szene beim Lübbenauer "Sommerfest" der zur "Linken" umbenannten SED, bis plötzlich eine Gruppe deutlich jüngerer Besucher die Aufmerksamkeit der roten Genossen auf sich zieht.

"Ich erteile Ihnen einen Platzverweis."

Unruhig drängt der Vorsitzende der Linksfraktion in der Lübbenauer Stadtverordnetenversammlung auf sie zu, vorbei an dem Stand mit den Büchern und Broschüren, in denen das 1989 gestürzte Unterdrückungssystem verherrlicht wird. Auch wenn sie die Geschichte nicht zurückdrehen können, wenigstens der Kampf um die Erinnerungen soll für sie entschieden werden.

"Ich wusste gar nicht, dass Sie jetzt Polizist sind, um mir einen Platzverweis aussprechen zu können, Herr Fron."

"Ich kann das auch gern über die Polizei regeln lassen."

"Ja, dann regeln Sie das mal", entgegnet es dem sich dem Verkaufsstand zuwendenden Fraktionsvorsitzenden aus der Gruppe.

"Denen verkauft ihr keinen Kaffee mehr und kein Kuchen", weist er hektisch die sich verwundert anschauenden Frauen vom Arbeitslosenverein an, sodass er seine Forderung wiederholen muss.

"Da ist ja so einer", schaltet sich plötzlich der am Mikrofon stehende Bundestagskandidat Kühne ein. Mit seinen 28 Jahren wirkt er zwischen all den Rentnern ein wenig wie der Verkäufer einer Kaffeefahrt, auf der minderwertige, aber stets als revolutionär, völlig neu und noch nicht im Handel erhältliche Waren angepriesen werden.

Seine heißt "soziale Gerechtigkeit" und sie erfreut sich wachsender Nachfrage unter dem alternden Publikum, sodass es keiner wagt, zu fragen, warum diese trotz vier Jahrzehnte langen Regierens im "real existierenden Sozialismus" eigentlich niemals verwirklicht wurde.

"Du kannst gleich wieder gehen, Kunde!", spricht er einen aus der Gruppe an.

"So sprecht Ihr hier von Wählern, als Kunden?", antwortet dieser dem ein wenig über sich selbst Erschrockenen am Mikrofon. Kunde? Nein, das wollte er nicht sagen. Er hat sich hinreißen lassen, muss konzentrierter sein.

Eigentlich sollte er überhaupt nichts zu ihm sagen. Schließlich ist das ein Faschist und Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen, so wie staatsfeindliche Hetze und Republikflucht. Das haben ihm die alten Genossen, die stets nur von der gutgläubigen Naivität der Deutschen gelebt haben, früh eingehämmert.

"Kenne ich Dein Gesicht nicht von einer Demo?"

"Möglich. Möglich auch, dass ich Dich von Demonstrationen kenne."

"Ja, aber ich war auf der Gegendemo", erwidert Kühne. Denn das ist ihm wichtig, dass er "dagegen" war - gegen was auch immer.

"Kommse, gehnse", fährt ein Alter dazwischen und erinnert damit unweigerlich an die Berichte von Gefangenen im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. "Kommse, kommse", "Gehnse, gehnse", "Steh'n bleiben, Gesicht zur Wand", waren dort die dem Wachpersonal angewiesenen drei einzigen Formeln zur Verständigung mit den Untersuchungsgefangenen.

"Gehnse, bevor ich wütend werde."

"Aber Sie sind doch schon wütend. Wissen Sie, an was Sie mich erinnern?"

"Nein, das bin ich nicht! Jetzt gehnse endlich!", entgegnet der Alte im energischen Ton und lässt in Gesichtsausdruck und -farbe erkennen, dass ihm seine Reaktion nun auch bewusst geworden ist.

Mehrere Alte kommen unterstützend hinzu, drängen und drücken, bis endlich der erlösende Polizist kommt und den Bedrängten anweist, das nun nicht mehr ganz so langweilige "Sommerfest" zu verlassen.

31.08.09

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Kommentare

Mr. Kessel
01.09.09 um 09:49
antworten

Kommentar 1

Köstlich! Allerdings ist der Platzverweis ungerechtfertigt!

Siehe Brandenburger Polizeigesetz §16:

"Die Polizei kann zur Abwehr einer Gefahr eine Person vorübergehend von einem Ort verweisen [...]" -> welche Gefahr bestand?

"Die Polizei kann zur Verhütung von Straftaten einer Person untersagen, einen bestimmten Ort [...] zu betreten, wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass die Person dort eine Straftat begehen oder zu ihrer Begehung beitragen wird." -> unbegründet

Allgemein:
"Ein Platzverweis ist nicht direkt möglich bei Störern genehmigter Veranstaltungen, da sie polizeifest sind. Personen müssen zuvor nach dem Versammlungsrecht von der Versammlung ausgeschlossen werden (§ 11 VersammlG)."

Und das Versammlungsgesetz §11 sagt dazu:

"(1) Der Leiter kann Teilnehmer, welche die Ordnung gröblich stören, von der Versammlung ausschließen.

(2) Wer aus der Versammlung ausgeschlossen wird, hat sie sofort zu verlassen."

Stellt ein Teilnehmer, wenn er durch den Veranstalter zum Verlassen aufgefordert wurde, eine so große Gefahr dar, dass eine Ingewahrsamnahme gerechtfertigt wäre? Könnte man also mal drauf ankommen lassen. Irgendwelche Einwände?



Rurik
01.09.09 um 11:16
antworten

Kommentar 2

Ausgezeichneter Beitrag! Dieses "Kommse, gehense", das kenne ich noch sehr gut aus meiner Jugendzeit. Haha, wir haben damals schon drüber gelacht! - Manches ändert sich eben nie ... ;-)



Martin
01.09.09 um 12:38
antworten

Kommentar 3

In dem Fall hat die Polizei keinen „Platzverweis“ ausgesprochen, sondern lediglich das Hausrecht des Veranstalters durchgesetzt. Dieser kann als Versammlungsleiter Personen von der Versammlung ausschließen. Das ist völlig legitim, wenn auch wie oben beschrieben recht übertrieben (da die Veranstaltung ja überhaupt nicht durch die Gruppe, sondern nur durch das Theater um diese gestört wurde).



frosch
01.09.09 um 16:04
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Kommentar 4

"...denen verkauft ihr keinen Kaffee mehr und keinen Kuchen..." - den wollte auch garantiert keiner haben, genauso wenig wie die ewig Gestrigen in neuem Gewand. Erstaunlich nur, wieviele Menschen 40 Jahre Diktatur einfach so vergessen können.



machMUT
01.09.09 um 16:17
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Kommentar 5

Oh man, das war so lächerlich! Für die!

Als der Betroffende dann fort geschickt wurde, gingen die Diskreminierungen wieder los! Die alten Wähler hatten was zu lachen, zum stücken Kuchen Kaffee und konnten weiter den lustigen Geschichten der Kasperköppe Kandidaten lauschen...

Das beste Zitat des Tages war meiner Meinung: "Wir sind hier kein Diskutieren-Forum!"

Hier ist nur schön zuhören und in den Arsch kriechen angesagt! Unsere Ziele und Meinungen werden nicht in Frage gestellt!



frosch
01.09.09 um 19:21
antworten

Kommentar 6

Ergänzung:
Die Stasi-damals und heute: Stasi-Opfer berichten, Info's, Videos und mehr unter:
http://www.no-stasi.blogspot.com/



Div.Nordland
01.09.09 um 20:14
antworten

Kommentar 7

War das fette Schlachtross Karin auch dort? Man sind das ein paar Pfeifen! Immer schön ÜBER "Neonazis reden, aber bloss nicht MIT ihnen! Sollen diese Idioten sich doch ihre rote Diktatur zurecht träumen! Wie schon im Artikel erwähnt, waren dort ja nur alte Genossen und ausser den Kaspern der Antifa(und das auch nur ein Teil von denen) gibts da doch, Wotan sei Dank, so gut wie keinen Nachwuchs! Der Jugend gehört die Zukunft und somit uns!
Wäre gern dabei gewesen, aber irgendwie klappt wohl der Informationsfluss nich so richtig! ;)



moT
02.09.09 um 15:38
antworten

Kommentar 8

... kann mir vorstellen warum.



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