
Helena Norberg-Hodge ist die Gründerin der International Society for Ecology and Culture (ISEC), einer Non-Profit-Organisation, die sich mit dem Schutz biologischer und kultureller Vielfalt befasst und eine der führenden Analysten der Auswirkungen der Globalisierung auf die Kulturen der Welt. Im Jahre 1991 produzierte sie eine Dokumentation unter dem Titel "Ancient Futures: Learning from Ladakh", welche ein Land zeigt, dessen Eigenart in nur dreißig Jahren unter den Einflüssen des westlichen Kapitalismus zerstört wird. Auch wenn das alte Ladakh aufgrund seiner Entwicklung nur sehr beschränkt mit den Ländern Europas vergleichbar ist und hier keineswegs empfohlen werden soll auf dessen Zivilisationsstufe zurückzukehren, so sind doch einige Parallelen zu erkennen, weshalb der Text der Dokumentation, wenn auch nur in Auszügen, wiedergegeben werden soll.
Sprecher: Tief inmitten des Himalayas, am westlichen Rand der Tibetischen Hochebene, liegt Ladakh. Kein anderes bewohntes Gebiet der Erde ist so hoch gelegen und so trocken. Versenkt von der Sommersonne, der Boden gefroren während der acht Windermonate: dies ist eine Gegend, die für Menschen unbewohnt erscheinen könnte. Dennoch wurde den Felsen und Wüsten im Laufe der Jahrhunderte Felder abgerungen, die den Menschen hier nicht nur das Überleben, sondern den Menschen sogar eine blühende Kultur ermöglichten. Aber das Gesicht Ladakhs wandelte sich...
Sprecher: Der Modernisierungsprozess in Ladakh stellt eine Reihe von weitverbreiteten Annahmen über die Industriegesellschaft in Frage. Tatsächlich fordert er uns heraus, den ganzen Fortschrittsbegriff neu zu bewerten. Helena Norberg-Hodge hat in den letzten achtzehn Jahren lange Zeit in Ladakh verbracht.
Helena N.-H.: Ich weiß, dass es vielleicht weit hergeholt erscheint, aber ich bin überzeugt davon, dass Ladakh uns helfen kann, zu verstehen, was im Westen abläuft. Als ich das erste Mal nach Ladakh kam, gab es keine Umweltverschmutzung, keine Verbrechen, die Menschen lebten seit Jahrhunderten friedlich Seite an Seite. Es gab eine unglaubliche Lebensfreude. Aber jetzt, in den vergangenen Jahren, habe ich die Auswirkungen der modernen westlichen Welt auf eine traditionelle Kultur miterlebt. Diese Möglichkeit, das Neue dem Alten gegenüberzustellen, klärt eine Menge. So kann man die Ursachen erkennen, die hinter vielen Problemen stehen, mit denen wir im Westen konfrontiert sind – die Ursachen hinter den Umweltproblemen und dem Zusammenbruch menschlicher Gemeinschaften. Es hilft zu erkennen, wie wir aus der ganzen Bescherung, die wir angerichtet haben, wieder herauskommen können.
Sprecher: Ladakh war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein unabhängiges Königreich. Heute ist es ein Teil des indischen Bundesstaates Dschammu und Kaschmir. Sein kulturelles Erbe ist tibetischen Ursprungs – so weitgehend, dass es noch weithin als "Klein-Tibet" bekannt ist. [...] Flächenmäßig ist Ladakh fast so groß wie England, aber es wird nur von 130.000 Menschen bewohnt, von denen die meisten als Bauern in kleinen Dörfern wohnen. Da im Jahr weniger als 100 Milliliter Niederschlag fallen, müssen die Ladakhis mit Schmelzwasser von den Gletschern auskommen. Dieses wird durch ein ausgeklügeltes System von Bewässerungskanälen, die oft kilometerlang sind, zu den Feldern gebracht. Durch die kulturellen Traditionen wurde das Bevölkerungswachstum begrenzt, und die natürlichen Lebensgrundlagen wurden nicht überbeansprucht. Mehr als 90 Prozent der Ladakhi-Familien besitzen ihr eigenes Land, durchschnittlich ein bis zwei Hektar, und einige Nutztiere. Landbesitz wird weder verkauft noch aufgeteilt, sondern als Ganzes von einer Generation zur nächsten weitergegeben...
Sprecher: Die Dörfer liegen 3000 bis über 4000 Meter hoch. In dieser Höhe ist die Anbauzeit sehr kurz. Trotzdem produzieren angepasste Landsorten von Weizen und Geste ergiebige Ernten Jahr für Jahr. Jede Familie bewirtschaftet auch einen kleinen Gemüsegarten, und in den tiefen Lagen gibt es Obstgärten mit Äpfel- und Aprikosenbäumen. Mit wenigen Ausnahmen werden die Grundbedürfnisse innerhalb der Gemeinschaft gedeckt. Häuser werden aus den Rohstoffen der unmittelbaren Umgebung gebaut: Steine für das Fundament und das Erdgeschoss sowie sonnengetrocknete Ziegel aus Lehm und Stroh. Die Häuser sind groß und stattlich. Und dennoch bedarf es keinen Architekten. Jeder in Ladakh weiß, wie man ein Haus baut. Die Autarkie beruht auf Fertigkeiten, die genau auf die lokale Umwelt abgestimmt sind. Im Sommer beaufsichtigen die Hirten das Vieh auf den Hochweiden. Auf fast 5000 Meter Höhe sind die Lebensbedingungen hart. Aber die einheimischen Schaf- und Ziegenrassen sind gut an ihre Umwelt angepasst. Da der Bewuchs spärlich ist, werden die Herden jeden Tag weitergeführt, um Überweidung zu vermeiden. Dies ist ein nahezu zeitloses Leben. Arbeit und Freizeit sind eins...
Tashi Rabgya (Dichter, Philosoph und Ladakhs führender gelehrter für Buddhismus): Die Leute in Ladakh verschwenden nichts, was es auch sei, sei es Holz, Stein, Gras, Wasser oder sonst was. Sie verschwenden es nicht, sie gehen sorgfältig damit um. So können wir sagen, dass die Ladakhis die wirklichen Ökonomen sind. Nicht wie die modernen Ökonomen, die die Produktion erhöhen, die Umwelt zerstören. Sondern die auf Ressourcen achtgeben.
Sprecher: Das tägliche Leben in den Dörfern beruht auf einer engen Verbindung zwischen Menschen und der Erde. Diese lebendige Erfahrung der Verbundenheit aller Dinge wird durch die buddhistischen Lehren bestärkt. Die Religion durchdringt alle Aspekte des Lebens. Fast jedes Dorf hat sein eigenes Kloster. Die meisten Familien haben ein Mitglied im Kloster und es findet ein ständiger Austausch zwischen dem Dorf und den Mönchen statt. In jedem Haus gibt es einen privaten Andachtsraum.
Tashi Rabgya: Grundlage der Landwirtschaft ist das gemeinsame Zusammenwirken. Die Menschen bitten einfach ihre Nachbarn um Hilfe. Einige Familienmitglieder werden im Gegenzug ihre Hilfe anbieten. Es wird keinerlei Geld dafür bezahlt. Nur für Mahlzeiten wird gesorgt. Sie helfen umsonst – Nachbarn und Verwandte – sogar von weit her.
Sprecher: Die Ladakhi-Familien unterstützen sich auch in einer förmlicheren Weise, in einer Einrichtung, die "Paspun" genannt wird. Jede Familie gehört zu einer Gruppe von Haushalten, die sich gegenseitig helfen bei Anlässen wir Geburt, Heirat oder Todesfall. Bei solchen Gelegenheiten kommen die Dorfbewohner zusammen und für alle muss gesorgt werden. Wenn jemand stirbt, erledigt der "Paspun" alles Notwendige. [...] Seine Arbeit erleichtert die Last auf der betroffenen Familie und gibt den Menschen das Gefühl, einer größeren Einheit anzugehören. Auch in Zeiten größter Bedrängnis ist der Einzelne niemals allein. [...] Entscheidungen auf Dorfebene werden durch einen Rat getroffen, der aus den Vertretern der "Chutso" besteht, das sind Gruppen von ungefähr zehn Haushalten...
Sprecher: Die Ernte muss schnell vor dem ersten Schnee eingebracht werden. Trotzdem geht die Arbeit gemütlich voran. Landwirtschaft beruht in Ladakh auf menschlicher und tierischer Arbeitskraft und auf handgefertigten Geräten. [...] Nachdem die Erntezeit vorüber ist, vergeht kaum eine Woche ohne Feste. Singen, Tanzen und Musik beziehen die ganze Gemeinschaft mit ein. Hochzeitsfeiern dauern viele Tage oder sogar Wochen. [...] Das Leben in Ladakh ist mehr als bloßes Überleben. Dies ist tatsächlich eine reichhaltige Kultur, eine, in der die Menschen nicht nur ihre materiellen Bedürfnisse decken können, sondern auch ihre Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, sowohl zu ihrem Platz auf der Erde als auch zu der Gemeinschaft, von der sie einen Teil bilden...
Sprecher: Seit zwei Jahrzehnten wird Ladakh immer mehr den modernen Einflüssen ausgesetzt. Straßen verbinden heute das Gebiet mit der indischen Tiefebene und bringen den Ladakhis nicht nur Waren, sondern auch den westlichen Fortschrittsbegriff. In der Hauptstadt Leh sind nunmehr vielfältige Konsumgüter erhältlich. Für viele Ladakhis wird das Leben körperlich weniger anstrengend. Die Modernisierung untergräbt jedoch die Fundamente der traditionellen Kultur und führt zu den allzu bekannten verheerenden ökonomischen und sozialen Problemen.
Tashi Rabgya: Das ganze Wertesystem fällt zusammen. Alle Werte schwinden dahin. Es wird für die Menschen immer schwieriger sich an die alten Werte zu halten.
Sprecher: Die Hauptstadt Leh wächst jetzt exponentiell, denn die neue Wirtschaftsweise ermuntert die Menschen, ihre Dörfer zu verlassen, um bezahlte Arbeit zu finden. Neue Wohnsiedlungen denen sich in die Wüste aus, ohne Bezug zu den umgebenden Ressourcen. Es gibt keine Bäche hier. Die Bewohner sind stattdessen auf die Wasserlieferung durch Tankwagen der Behörde angewiesen. Die Umweltqualität in Leh verschlechtert sich von Jahr zu Jahr. Die dünne Luft wird nun durch die Dieselabgase der Lastwagen und Busse verpestet, die sich jetzt täglich in der Hauptstadt ergießen. Müll aller Art häuft sich in den Straßen und auf den Müllhalden am Stadtrand. Im traditionellen Dorf ist Abfall unbekannt. Alles kommt von der Erde und geht zur Erde zurück. In Leh gibt es fast keine sanitären Anlagen. Die wenigen Wasserspülungen beanspruchen nicht nur die knappen Wasservorräte, sondern sind auch häufig schlecht gebaut. Undichte Sickergruben werden zunehmend zu einem der wichtigsten Verursacher von Verschmutzungen. Wasser aus den Bächen in und außerhalb der Stadt ist jetzt nicht mehr trinkbar.
Ein Ladakhi: Früher hieß es, wirf nichts ins Wasser, verschmutze es nicht. So klug waren die traditionsgebundenen Menschen. Sie warfen nichts ins Wasser, das wurde als Sünde angesehen...
Sprecher: Heutzutage werden die Bewohner von Leh abhängig von weither importierten Waren, nicht nur, was Luxus und Konsumgüter angeht, sondern auch bei den Grundbedürfnissen wie Nahrung, Kleidung und Energie.
Helena N.-H.: Entwicklung auf Ladakh – und es ist das gleiche wie überall auf der Welt – ein Vorgang des geplanten Wandels. Was getan wird, ist die systematische Zerstörung der lokalen Wirtschaft, der lokalen Selbstversorgung. Das erste Opfer ist der kleine Bauer, dessen ganzer Lebensunterhalt untergraben wird.
Sprecher: Aufgrund der massiven Subventionen ist Weizen, der mit Lastwagen über den Himalaya herangeschafft wird, in Ladakh wesentlich billiger als Weizen, der direkt hier angebaut wird. Die örtliche Landwirtschaft sieht dadurch unwirtschaftlich aus. Es gibt kaum Anreize, mit dem Anbau weiterzumachen. Kurzfristig gesehen mögen importierte Nahrungsmittel als echter Vorteil erscheinen. Aber als Folge davon werden die Ladakhis zunehmend in die Weltwirtschaft eingebunden und somit abhängig gemacht von der Gnade von Marktkräften, die weit jenseits ihrer Kontrolle liegen. [...] In der traditionellen Gesellschaft waren die Menschen überwiegend selbst für ihr Leben verantwortlich. Heutzutage werden immer mehr Entscheidungen, sogar Entscheidungen, die das alltägliche Dorfleben betreffen, in fernen Regierungsbüros gefällt. Da sich der Brennpunkt der Wirtschaft nach Leh verlagert hat, werden die Familien in immer kleinere Einheiten aufgespalten. Es gibt keinen Platz mehr für Großeltern in städtischen Hochhauswohnungen, weder räumlich noch emotional. In der neuen Geldökonomie hat die Tradition der Zusammenarbeit ihre Bedeutung verloren und verschwindet schnell.
Dr. Mohamed Deen (Regierungsbeamter): In der Vergangenheit waren wir sehr aufeinander angewiesen. Wir hatten ein richtiges Gemeinschaftsempfinden, denn wir waren aufeinander angewiesen. Ich war nicht besorgt, wenn ich ein Problem hatte, mein Bruder half. Nun, da die Leute Geld haben, helfen sie einander nicht mehr. Wenn jemand etwas braucht, sagen wir: Geh, hol's dir auf dem Markt.
Tashi Rabgya: Alle Beziehungen sind sehr oberflächlich geworden. Sie halten Belastungen und Spannungen nicht mehr stand...
Helena N.-H.: Früher hatten die Menschen in Ladakh viel Zeit, ihr Leben zu genießen. Sie arbeiteten in einem geruhsamen Tempo, obwohl die Technologien, die sie hatten, sehr langsam waren. Plötzlich müssen alle mit dem Tempo der Technologie schritt halten. Eine Freundin in einem abgelegenen Dorf beschreibt das sehr anschaulich: Ich kann es einfach nicht verstehen. Meine Schwester in der Hauptstadt hat all die Sachen, die Zeit sparen. Sie hat einen Petroleumherd, ein Telefon, einen Jeep, aber wenn ich sie besuche, hat sie kaum Zeit, sich mit mir zu unterhalten.
Sprecher: Die Stellung der Frau leidet gleichfalls. Im typischen Fall geht nun der Mann in die Stadt arbeiten und lässt die Frau zu Hause allein zurück, abgeschirmt vom Zentrum der neuen Ökonomie. [...] Heute wächst die Kluft zwischen Reichen und Armen...
Sprecher: Während des Sommers fallen Tausende von Touristen in Leh ein. Sie erwecken den Eindruck, dass das Leben in der modernen Welt sauber, einfach und sorgenfrei sei. [...] Filme und neuerdings das Fernsehen haben dazu beigetragen, die Vorstellung, westlich ist am besten, zu bestärken, indem Bilder von Glanz, Luxus und einer endlosen Freizeit gezeigt werden, wobei Maschinen die menschliche Arbeitskraft ersetzen...
Ein Jugendlicher: Hier in Leh ist es genau so langweilig wie in den Dörfern. Keine Spielhalle, keine Räumlichkeiten.
Helena N.-H.: Es sind junge Männer, die das schwächste Glied in einer Kultur bilden. Man kann feststellen, dass die aufkommende Kultur eine Kultur der männlichen Teenager ist. Hier ist Schnelligkeit angesagt. Auf einem Motorrad durch die Landschaft rasen oder mit Schusswaffen herumballern, den Jungs gefällt so etwas, aber niemanden sonst.
Sprecher: Als direkte Folge der Entwicklung verlieren die Ladakhis ihr altes Selbstvertrauen, ihr Selbstwertgefühl. Bei dem Versuch, den westlichen Vorbildern gerecht zu werden, entfremden sie sich von ihrer Familie und Gemeinschaft und werden zunehmend orientierungslos. Auf die Dauer stellt das Erziehungswesen eine der ersten Bedrohungen der Kultur und der lokalen Wirtschaftsweise dar. [...] Es bildet bestenfalls für spezialisierte Berufe in den städtischen Zentren aus. Aber solche Arbeitsplätze sind rar. Zunehmen werden die Menschen nur noch für die Arbeitslosigkeit ausgebildet. In den Schulen von Ladakh lernen die Kinder heute nichts mehr über ihre eigene Kultur oder lokale Ressourcen. Statt dessen folgen sie einem Lehrplan, der auf dem westlichen Modell einer Industriegesellschaft beruht. Sogar die Sprache ist eine Fremdsprache.
Sonam Angckuk (junger Mann): Die Kinder werden in Urdu unterrichtet, einer Sprache, die den Ladakhis völlig fremd ist. Ihre Eltern in den Dörfern würden davon kein Wort benützen. Noch unglaublicher, nach acht Jahren muss man zum Englisch als Unterrichtssprache überwechseln, und zwar ganz plötzlich.
Sprecher: In einem größeren Zusammenhang betrachtet, bringt die Entwicklung stark negative Auswirkungen mit sich. Die Modernisierung hat zweifellos einige kurzfristige materielle Vorteile. Aber dadurch zerstört die das vielfältige Beziehungsgefüge, das Ladakh über Jahrhunderte zusammengehalten hat. Sie verschmutzt die Umwelt, lässt die Gemeinschaft zerfallen und untergräbt die persönliche Identität.
Helena N.-H.: Ich denke, die wichtigste Lehre aus Ladakh ist, dass die Menschen sich verbunden fühlen. Sie brauchen eine Beziehung zu dem Ort, an dem sie leben, zu der Erde unter ihren Füßen. Sie brauchen eine Gemeinschaft, in der sie langfristige Beziehungen zueinander aufbauen und ihre Identität entfalten können.
Sprecher: In den alten Kulturen waren diese Beziehungen aufgrund des kleinräumigen Maßstabes des alltäglichen Lebens möglich. Die politischen und wirtschaftlichen Einheiten waren klein genug, damit die Menschen wirklich sahen, welche Auswirkungen ihre Handlungen auf die Umwelt hatten. Und, noch wichtiger, es war ihnen möglich, an den Entscheidungen, die ihr Leben betrafen, direkt teilzunehmen. [...] In der industrialisierten Welt ist der Maßstab heute so groß geworden, dass in den anonymen Städten und ausgedehnten Vororten die Handlungen des Einzelnen so erscheinen, als seien sie mit dem Wohlergehen der gesamten Bevölkerung unverbunden. Und der Maßstab vergrößert sich immer noch weite. [...] Das Beispiel Ladakh zwingt uns dazu, neu zu bewerten, was wir mit Wohlstand meinen. In der traditionellen Lebensweise spielt Geld fast keine Rolle, sodass konventionelle Ökonomen diese Völker unter den ärmsten einreihen würden. [...] Die Wirtschaftsfinanzen im Westen sind nicht weniger absurd. Entsprechend der eng definierten Weise, wie wir Wachstum messen, steht unsere Volkswirtschaft besser da, wenn wir z. B. Gemüse kaufen, das Tausende von Kilometern entfernt erzeugt wurde, als wenn wir vom Bauernhof nebenan kaufen. Alle umfassenden langfristigen Kosten von der Infrastruktur bis zu den Auswirkungen auf die Umwelt bleiben völlig unbeachtet...
23.07.10

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Heiko
25.07.10 um 19:33
antworten
Wieder mal ein toller Augenöffner, danke!
Axel
19.06.11 um 21:50
antworten
Ausnahmsweise finde ich mal einen Artikel richtig schlecht und das gleich aus mehreren Gründen.
Erstens ist der Fall der Ladakhs in keiner Weise originell. Um festzustellen, daß mit der Öffnung isolierter Stämme viele Gemeinschaften und Wertesysteme zusammenbrechen, muß man keine 4000m hoch in den Himalaya steigen. Ganz Afrika, Asien und Lateinamerika sind voll davon.
Zweitens ist unklar, worauf das Lamento der Helena und des Sprechers wirklich abzielt. Technischer Fortschritt, Industrialisierung, Straßenbau und Arbeitsteilung können ja wohl nicht Gegenstand ernsthafter Kritik sein. Kapitalismus und westliches Wertesystem mögen den Zusammenbruch der Ladakhs beschleunigt haben, Hauptschuldige sind sie jedoch nicht.
Drittens kann die einzige Lehre aus dem Artikel doch nur sein, daß ein Sozialgefüge wie das der Ladakhs, das zusammenbricht sobald es in Kontakt/Konkurrenz mit anderen tritt, eben doch nicht auf tief verwurzelten Wertvorstellungen basiert, daß die Ladaks nie eine "Volksgemeinschaft", sondern nur eine Notgemeinschaft von Zwangsisolierten waren, die sich nie in der realen Welt bewähren mußte.
Und hier liegt auch die Gefahr falscher Schlußfolgerungen für den nationalen Widerstand.
Der "Elephant im Raum" dieser Seiten, das hier immer allgegenwärtige Referenzsystem - Deutschland vor 1945 - war geographisch nie isoliert und lag immer an der Spitze des technischen/wissenschaftlichen Fortschritts.
Sein soziales System ist nicht durch Industrialisierung zusammengebrochen, sondern durch Krieg, Fremdherrschaft und massive Umerziehung.