Ich wähle überhaupt nicht

Ich wähle überhaupt nicht

"Ich wähle überhaupt nicht", sagt Krafft. "Warum nicht?", fragt der Michl. "Weil doch nichts Gescheites dabei herauskommt. Wir sind Gegner der Parlamentswirtschaft."

"Ihr wollt also das Volk ausschalten??", rief der Schorschl dazwischen. "Es ist schon ausgeschaltet", behauptet Krafft. "Nicht dass ich wüsste, wir wählen doch das Parlament." "Nein, du wählst eine Partei, und erst die Parteien bilden das Parlament. Du wählst auch nicht den, der dir gefällt, sondern den deine Partei auf die Liste setzt. Im besten Falle wählst du Vertreter deiner Weltanschauung, wenn du eine hast. Hier liegt aber der Schwindel begraben. Man verspricht euch ein Leben voll Schönheit und Würde vor der Wahl und bringt euch nachher die Not und die Schande. Irgendeinen Köder gibt man euch zu schnappen, einen kleinen Vorteil, und mit dem fängt man euch ein! Was ihr nachher ausfressen müsst, das schiebt eine Partei auf die andere. Das Volk selbst wäre schuld, hätte es ihrer Partei die Mehrheit gegeben, sie hätte alle Wünsche erfüllen können. Das ist ja das Elend, dass keiner von den Burschen, der an die Macht kommt, auch verantwortlich ist für das, was er anstellt. Er kann immer sagen, ich bin leider überstimmt worden, ich habe nicht allein zu entscheiden gehabt, die anderen Parteien haben dreingeredet, es hat nur zu einem Kompromiss gelangt. Unter sich kuhhandeln sie und sagen "Herr Kollege" zueinander, aber im Reichstag oder Landtag fahren sie sich pfundige Reden an den Kopf, dass ihr das Maul und die Augen aufreißt vor Verwunderung. Wir wollen aber Männer an der Regierung, die ihren Kopf zum Pfande legen für ihr Handeln, keine Hampelmänner, die so strampeln, wie eine verborgene Hand an ihnen zieht."

"Ich will euch noch ein Beispiel sagen", mengt sich Berta ins Gespräch. "Um einen Schwerkranken stehen die Ärzte herum und beraten sich. Der Mensch wird aber immer blasser und bleicher, denn ein schlauer Gauner unter den Ärzten zapft dem Kranken das Blut ab. Er sagt, das schadet nichts, das wäre gesund, und sie lassen unbedenklich das Blut rinnen und raten, man müsste dem Kranken ein Schönheitsmittel geben, dass er wieder rote Backen kriegt, ein Augenfeuer einspritzen, dass er nimmer so matt schaut – und das Blut rinnt weiter aus, bis er stirbt."

"Geh, ein Arzt weiß doch, dass er einen nicht verbluten lassen darf", unterbrach ungeduldig der Michl. "Das wissen sie auch", entgegnet Berta, "sie sind doch keine Dummköpfe, so wenig als eure Parteiführer dumm sind. Glaubt ihr vielleicht, die sehen nicht weit besser als wir, woran das deutsche Volk zugrunde geht? Warum tun sie nichts dagegen? Warum doktern sie außen an der Schönheit umeinander und tun so, als sähen sie die wahren Ursachen nicht? Warum? Sagt, warum?"

Hilflos schauen sie die zornrote Berta an, die ganz gelassen dann sagt: "Weil sie nicht wollen, dass Deutschland wieder gesund aufsteht. Die Ärzte markieren sie und sind nur die Mörder am Volk." "Und ihr Ochsen wählt eure eigenen Metzger", ergänzte Krafft.

Als Erster hat sich der Schorschl erholt und fragt dagegen: "Wen sollen wir denn nachher wählen, deine Partei geht ja nicht ins Parlament." "Jetzt ist auch keine Zeit zum Wählen, erst muss dafür gekämpft werden, dass sich die neue Weltanschauung durchsetzt, dass sie nicht wieder erstickt und umgebracht wird, ehe sie ihre Männer zur Wahl stellen kann. Bei uns werden Männer gebraucht, nicht Stimmvieh."

18.08.10

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Kommentare

FNM
18.08.10 um 21:55
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Kommentar 1

Guter Text, ihr sprecht aus was viele denken. Weiter so!



Silvio Gesell
18.08.10 um 23:30
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Kommentar 2

Sehr gut - mehr davon :)



Emil
18.08.10 um 23:41
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Kommentar 3

Ein Text, der das Problem Demokratie auch als solches erkennt und die richtigen Schlüsse daraus zieht. Sein Anliegen ist heute noch so aktuell wie damals. Wer sich immernoch die Frage stellt, wen er denn nun wählen soll, sollte sich lieber erst mal die Frage beantworten, ob "der Untergang des Systems nicht auch das Ende seiner heilen Welt bedeutet".



AG-Ruhr-Mitte
19.08.10 um 02:59
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Kommentar 4

Feines Buch, Pflichtlektüre! Kann mich zwar an dem Absatz im Einzelnen nicht erinnern, vielleicht habt ihr nur die Namen verwendet. Aber das Buch auf das angespielt wird birgt wirklich für jedes politische Themenfeld Lösungen. Gerade zum Thema Sozialismus und Lebenshaltung wird viel erzählt, und zwar nicht philosophisch, sondern direkt und klar verständlich. Volkslektüre!



Karl
19.08.10 um 15:14
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Kommentar 5

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Anna
23.08.10 um 22:38
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Kommentar 6

Besser und anschaulicher kann man´s kaum erklären... es sollten noch mehr Texte aus dem besagten Buch veröffentlicht werden.



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