In dem Häuserkampfe, der am 11. und 12. Oktober 1914 um das französische Dorf Fonquevillers tobt, ist ein kleiner Trupp des 17. bayerischen Infanterieregiments von französischer Übermacht eingeschlossen. Er befindet sich mit sechs gefangenen Franzosen im Keller eines zerschossenen Gebäudes und führt die Fahne des 1. Bataillons mit sich. Die Fahne wird schnell von der Stange abgetrennt und in den Waffenrock des Leutnants d. R. Anacker eingenäht.
Auch der schwere vergoldete Wappenlöwe, die Fahnenspitze, soll dem Feinde nicht überlassen werden. Er wird in einen Zwiebackbeutel gesteckt und in dem Mantelärmel des Landwehroberleutnants Goering eingeheftet; die Fahnenstange verschwindet im Waschküchenschornstein.
Endlich muss sich die kleine tapfere Schar der Übermacht ergeben. Die befreiten Franzosen melden natürlich, dass die Deutschen eine Fahne mit sich geführt haben; wie sie verschwand, war ihnen aber verheimlicht worden. Die Fahnenstange findet man, aber das Tuch wird nicht ermittelt, obwohl man die deutsche Mannschaft im Einzelverhör mit allen Schikanen auspresst.
Die beiden Leutnante sollen im Offiziersgefangenenlager noch genauer untersucht werden und müssen sich entkleiden. Der Moment der Entdeckung scheint gekommen – doch schnell wird Oberleutnant Goering „ohnmächtig“, und benutzt die kurze Verwirrung dazu, den Zwiebackbeutel an seinem Bruchband zu befestigen.
Aber er muss sich bald weiter entkleiden; schon steht er im Unterzeug vor dem Untersuchungsoffizier, da kommt ihm eine Eingebung: er macht den Franzosen auf ein schmerzstillendes Mittel aufmerksam und verwickelt ihn mit großem Wortschwall in eine medizinische Unterhaltung, lang genug, um sich dabei wieder bekleiden zu können.
Leutnant Anacker versteht es, dem geschniegelten Etappenoffizier seinen übelduftenden Waffenrock mit dem Fahnentuch so dicht unter die Nase zu halten, dass dieser empört abrückt. Ein ganzes Jahr hindurch können die beiden Offiziere ihr Heiligtum verbergen. Als im Oktober 1915 ein kriegsuntauglicher Mitgefangener über die Schweiz ausgetauscht wird, nimmt er das Fahnentuch, eingenäht in das Futter seiner alten Segeltuchtasche, mit.
Die Bataillonsfahne wurde später mit ihren Bändern im Münchener Armeemuseum ausgestellt. Aber auch der Löwe, die Fahnenspitze, ist wieder da – allerdings stark angebräunt. Er konnte die Schweizer Reise in der Segeltuchtasche nicht mitmachen, weil Oberleutnant Goering inzwischen mit ihm in ein anderes Lager verlegt worden war.
Durch alle möglichen Verstecke wurde er vor den Augen der Franzosen verborgen. Schließlich überstrich man das goldene Tierchen mit schwarzer Ölfarbe, gab ihm einen Untersatz aus Zigarrenkistenholz und tarnte das Ganze als Briefbeschwerer. So kam auch die Fahnenspitze später über die Schweiz nach München.
In Paris aber wartete im Invalidendom die Fahnenstange noch viele Jahre auf das Tuch und den krönenden Löwen.
15.11.10

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