Nach der Bombardierung zweier Tanklastwagen im Nordosten Afghanistans rückt der Krieg in das Zentrum bundesdeutscher Politik. Zum ersten Mal seit Regierungsantritt musste die Christdemokratin Merkel in einer Regierungserklärung nach einem tödlichen Angriff Stellung nehmen.
Vier Tage zuvor hatten Luftstreitkräfte der NATO, auf Befehl eines Oberst der Bundeswehr, nahe der Stadt Kundus zwei Tanklastwagen bombardiert. Während Verteidigungsminister Jung von 58 Toten spricht, geht ein Zwischenbericht der NATO von 78 Todesopfern aus – andere Medien hatten von bis zu 125 Opfern berichtet, die bei dem Angriff verbrannt seien.
Neben der Bundeswehr soll nun die NATO und UNO das Geschehen untersuchen. Kernfrage ist, ob der Oberst im vollen Wissen gehandelt hatte. Laut militärischer Protokolle soll es vor dem Angriff zu einer „20-minütigen Aufklärungslücke“ gekommen sein. Zudem ist zu klären, ob die bundesdeutschen Truppen von der Anwesenheit von Zivilisten wussten, die den Tanklastwagen Benzin abzapfen wollten.
In einer 15-minütigen Rede bedauerte Merkel pflichtgemäß die „möglichen zivilen Opfer“, wies jedoch Kritik am vorgehen deutlich zurück. Bereits unmittelbar nach dem tödlichen Angriff hatte der ehemalige Verteidigungsminister Rühe eine „Exit-Strategie“ gefordert. Die deutsche Vorstellung einer "bewaffneten Entwicklungshilfe" sei endgültig als Illusion zerplatzt. Doch ein echter Demokrat bleibt standhaft – zumindest so lange, bis ihm die Wahlumfragen signalisieren, dass nun der Zeitpunkt für eine erneute Wende gekommen ist.
Indessen spitzt sich die Lage in Afghanistan weiter zu. Gestern wurden bei einer Bombenexplosion auf den militärischen Teil des Flughafens der afghanischen Hauptstadt Kabul drei Menschen getötet. Bei dem Autobombenanschlag, zu dem sich die Taliban bekannte, handelte es sich offenbar um eine direkte Antwort auf das NATO-Bombardement wenige Tage zuvor. Bei einem weiteren Angriff der Aufständischen wurde ein niederländischer Feldwebel getötet.
09.09.09

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