Zu jener Zeit, da die Kämpfe, die sich auf allen Ebenen abspielten, auch von uns und in unseren Herzen mit all ihrer blinden Schärfe und ausweglosen Unbedingtheit ausgetragen werden mussten, konnte unser unbekümmertes Tun nur wachsen aus den wenigen klaren und einfachen Gewissheiten, die uns das Leben selber zutrug.
Jede einzelne unserer Taten, mochte sie noch so unbedenklich aus dem Augenblick geboren sein, mochte sie für das Auge scharfblickender Realpolitiker noch so geringen praktischen Erfolg haben, peitschte zumindest die Entwicklung weiter, warf zumindest höhere Wellen als die wichtigen Beratungen und Verordnungen jeweiliger Minister, als die eifervollen Reden und Beschlüsse der Parlamente, als die aufwandreichen Bemühungen und Versprechen der Parteien und Verbände.
Jede Tat erschütterte weithin das Gefüge der Systeme, griff die mühsam genug konstruierten Gegebenheiten an, forderte von der bedrohten Ordnung Gegenschläge heraus, die unausweichlich zu erneuter Handlung zwangen. Wir unterwarfen uns bewusst dem Zwang, wir sprangen hemmungslos in jede Steigerung, wir erfuhren an uns selbst das Wort vom Fluch der bösen Tat, die fortzeugend Böses muss gebären, ohne freilich weder den Fluch noch das Böse im Range niedrig anzusetzen.
Im Banne der beglückenden Erfahrung dieser Gesetzmäßigkeit aber erwuchs uns verpflichtend die Gewissheit, Vollstrecker eines geschichtlichen Willens zu sein. Dass diese Gewissheit uns nichts vom vollen Gehalte des Wagnisses nahm, dass sie uns von keiner Verantwortung entband, das gab unserem Tun erst die rechte Würze.
Der Wille zur Gestaltung, der uns nicht hinderte zu vernichten, der, in diese Zeit hineingetrieben, die Vernichtung erst möglich und notwendig machte, ließ uns in nächtlichen und übersteigerten Gesprächen, in denen sich der Gleichklang unseres Denkens, unserer Sprache rauschhaft offenbarte, in entfernte Räume tasten, nach dem Sinn unserer Sendung suchen, nach der Richtung forschen, welche die sich schon auf allen Wegen meldenden Kräfte nahmen; nicht nach Rechtfertigung zielte der Wunsch, das ungefüge Bild unserer Träume zu umreißen, sondern nach der Sicherheit, im Schatten nahender Entscheidungen nicht durch leichte Lösung zu gewinnen.
Je näher uns der Wirbel vom Rande an das Zentrum riss, desto härter wurden die Wege zum Entschluss. Was erst fast Spiel war, schlichteste Reflexbewegung wacher Witterung, Draufgehen und Zupacken, weil nichts sonst selbstverständlich war, das heischte mit der schärferen Ahnung des Gesetzes, dem wir hingegeben waren, die volle Haftung, das stellte uns den Zweck verpflichtend vor die Leidenschaft.
Ernst von Salomon
27.08.10

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