Albert Leo Schlageter und der Ruhrkampf

Die Franzosen im Ruhrgebiet werden unruhig – immer öfter knallt es mitten in der Nacht – da, dort, an drei, an vier Stellen gleichzeitig. Überfallkommandos jagen hin, finden gesprengte Gleise, gesprengte Brückenpfeiler – doch die Saboteure sind längst über alle Berge. Nun saßen die Franzosen auf einem Pulverfass, verdoppelten die Posten, verdreifachten die Kontrollgänge, bewachten die Gleise, setzten ein Heer von Spitzeln in Tätigkeit, um die Saboteure aufzuspüren.

Wieder eine dunkle Nacht. Kühler Märzwind strich durchs Tal. Die Äcker lagen schwarz wie Leichenfelder, wie eine schillernde Schlange windet sich das Gleis auf dem Bahndamm durchs Dunkel, unter einer Brücke gluckert schwarzes Wasser... weit und breit kein Posten!

Seine Leute kriechen zum Bahndamm. Er selbst geht leicht gebückt, schleppt Pakete mit Sprengstoff. Langsam, ohne Geräusche zu machen, erklimmen sie den Damm, werfen sich über die Schienen und heben die Löcher aus. Da – ein leises Rollen und Donnern, das rasch näher kommt.

"Zurück, der Zug!"

Ungern gehorchen sie, haben die Löcher fast fertig, aber gegen den Befehl gibt es keine Widerrede. Doch kaum in Deckung, rasen die Wagen vorbei – ein langer Güterzug mit Kohlen für Frankreich. Sie ballen die Fäuste, knirschen mit den Zähnen.

"Fahrt zur Hölle!"

Der Zug ist vorüber, nichts rührt sich mehr. Schon ist der Bahndamm wieder erreicht, sie wühlen im Schotter.

"Die Patronen! Die Zünder! Fertig!"

"Moment!" zischte es zurück. "Schnell!" befiehlt Schlageter. "Der Posten..."

Es kommt kein Posten, aber plötzlich schießt weißes Licht aus der Höhe, ein riesenhafter Kegel tastet sich über die Bäume vor, huscht über die Wiese auf den Bahndamm zu, über Schotter und Schienen.

"Scheinwerfer! Still liegen! Nicht rühren!"

Dicht an die Erde gedrückt liegen die Männer, halten den Atem an, fühlen die kalte Hand des Todes im Nacken. Doch der Lichtkegel geistert weiter über das dunkle Wasser, erlischt endlich.

"Fertigmachen! Seid ihr soweit?"

"Ja – ja!" kommt es zurück.

"Dann – los!"

Blitzschnell springen sie vom Bahndamm, noch vor Erreichen des Waldes schallen zornige Rufe durch die Nacht.

"Halt... Ha-alt!"

Schüsse knallen, Kugeln zischen, die Männer rennen um ihr Leben. Dann aber dröhnt die Erde, Feuer fährt aus dem Boden, eine Wolke von Erde und Steinen schießt zum Himmel, wie Kanonenschüsse krachen die Explosionen, das ganze Gleis ist weggefegt – dort werden so schnell keine Züge mehr rollen!

Doch das Schicksal ist bereits gewoben – wie bei keinem anderen Volk liegen unerschütterlicher Heldenmut und Verrat dicht beieinander. Armin, der Cheruskerfürst, der Held, der sein Volk aus der Sklaverei errettete und es zur Freiheit führte, starb am Ende durch Verrat und Tücke. Ziehen die Deutschen denn nie eine Lehre daraus? Werden sie nie klug? Große Worte haben sie oft von Treue und Einigkeit, schöne, richtige Worte. Doch in Wirklichkeit sind sie in hundert Parteien zerspalten, führen den ewigen erbitterten Bruderkrieg.

Auch die Schlinge um die Gruppe "Heinz" zog sich durch Verrat zu. Die Franzosen erfuhren fast alle Namen der Gruppe – und als am 15. März 1923 nach einem gelungenen Anschlag auf die Bahnbrücke bei Calcum Schlageter den Fehler beging, sich in einem Gasthof mit seinem richtigen Namen einzutragen, war sein Schicksal besiegelt.

Albert Leo Schlageter wird am 7. April verhaftet – bei ihm findet man Pistolen, Koffer mit Sprengstoff, falsche Pässe.

Am 14. April schreibt er aus dem Gefängnis Düsseldorf-Werden:

"Lieber Heinz!

Verdammt faule Lage. Keine Haaresbreite fehlte, und ich hätte schon Sonntag die Ehre gehabt, bei Petrus zu speisen. Verhör, Standgericht, Verhör, nochmals Standgericht, bis endlich das erlösende Wort kam vom Divisionsgeneral: Abführen nach Gefängnis Werden.

Aufatmen an der ganzen Front. Doch freuen sie sich nicht, denn sie werden hängen statt meiner. Die ganze Wucht gemeiner Verräterei wurde von mir auf sie weiter gewälzt. Auch v. d. D. hat manches abbekommen. Sie werden sich danach einzurichten wissen. Ja nicht schnappen lassen!

Nun Gruß und Heil an alle

Euer Schl."

An seine Eltern schreibt er am 22. April:

"Liebe Eltern und Geschwister!

Soeben habe ich Euren und der Tante Brief erhalten. Tausend Dank dafür. Nun kann ich endlich etwas erleichtert aufatmen, da ich weiß, dass Ihr alle gesund seid und mit Gottes Hilfe den ersten Schmerz und vor allem den Schrecken über die Nachricht hinter Euch habt. Es waren seit meiner Verhaftung am 7. April bis heute entsetzliche Tage. An mich konnte ich gar nicht denken, mein Schicksal war auch Nebensache; ich habe gehandelt aus Liebe zu Euch, zu meinem Vaterland; ich weiß dafür zu büßen. Die Größe meiner Strafe kann mich nicht schrecken noch traurig machen. Wäre ich allein auf der Welt, wüsste ich überhaupt nicht, was es Schöneres geben könnte, als für sein Vaterland zu sterben. Aber um Euch habe ich gebangt Tag und Nacht. Hätte ich Euch das ersparen können, ich wäre gern zwei- oder dreimal vor die Kugel getreten. Bleibt weiter so tapfer, hofft weiter! Sollte keine Änderung eintreten, dann denkt, ich bin an irgend einer Krankheit oder sonst was plötzlich gestorben. Zwar ein paar Jahre früher, als zu erwarten war, doch das kommt ja öfter vor. Die Adresse von Familie Zeller könnt Ihr mir vielleicht das nächste Mal auch mitschreiben. Also noch einmal tausend Dank für die Briefe und herzliche Grüße an Euch alle, besonders Vater und Mutter.

Euer Albert."

Am 5. Mai wurde Albert Leo Schlageter die Anklageschrift zugestellt, am 8. Mai 1923 sollte die Verhandlung beginnen. Die Verteidiger erhielten ihre Ladungen in einem gewöhnlichen Brief – einige erst am Morgen des 7. Mai, hatten also nicht einmal 24 Stunden Zeit, um sich auf die "Gerichtsverhandlung" vorzubereiten...

31.05.10

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