17. Juni 1953 - Rückschlüsse eines Beteiligten

17. Juni 1953 - Rückschlüsse eines Beteiligten

Ich stehe wie gewohnt zeitig auf. Es ist gerade drei Uhr, draußen regnet es in Strömen, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Ich versorge eilig die Tiere auf dem kleinen Hofe meiner Eltern, den ich seit dem Kriege allein mit meiner Mutter bewohne, da mein Vater und meine zwei älteren Brüder nicht zurückgekehrt sind. Dann breche ich auf zum Bahnhof. Dieser liegt 6 Kilometer entfernt, die ich mit dem Fahrrad zurücklege. Am Bahnhof angekommen, bin ich vom Regen durchnässt bis auf die Knochen.

Um 4.30 Uhr fährt der Zug nach Berlin ab, wo ich als Maurer auf der Baustelle der Polizeiinspektion Berlin-Ostbahnhof arbeite. Nach zweistündiger Fahrt stehe ich auf dem Bahnhof und treffe auf Kollegen von der Baustelle. Gerüchte gehen um. Einen Streik soll es geben, einen Streik gegen die unerfüllbaren Arbeitsnormen der neuen Herrscher, die auf dem Rücken des Volkes einen utopischen Ideologiestaat aufzubauen versuchen. Die Stimmung ist gelassen, ja fast erleichtert, dass nach Wochen des Murrens endlich spürbarer Protest aufkeimt. Die Sonne scheint und trocknet meine regennassen Sachen.

An der Baustelle angekommen, haben sich die Gespräche über den Streik zu unbändigem Tatendrang gesteigert. Noch weiß keiner der 26 Bauarbeiter, wie genau der Streik nun ablaufen soll. Nach ein paar feurigen Worten von Fritz, einem der Älteren auf unserer Baustelle, ist jedoch klar, dass es mit Arbeitsverweigerung allein nicht getan sein kann. So entschließen wir uns zum Marsch zur Leipziger Straße.

Dort angekommen, erschallen die Forderungen vieler weiterer Berliner Arbeiter schon laut und deutlich in den Weiten der Stadt: Rücktritt der Regierung, Auflösung der „Jugendorganisation“ und Wiederherstellung der deutschen Einheit. So marschieren gegen 10 Uhr mehrere Zehntausend über den Strausberger Platz Richtung Alex.

Am Alex angekommen, werden wir von sowjetischen Panzern empfangen und eingekesselt. Das Regierungsgebäude ist weitläufig abgesperrt. Im Protestzug geht die Nachricht eines 17-Jährigen um, der von Panzern überrollt wurde. Volkspolizisten haben indes dicke Wasserschläuche herbeigeschafft und ausgerollt. Da der Marsch sich unbeeindruckt Richtung Regierungsgebäude fortsetzt, versuchen die Polizisten, den Protestzug mit Wassersalven zurückzudrängen. Zum zweiten Mal an diesem Mittwoch werde ich völlig durchnässt. Wir kommen auf die Idee, die Schläuche zu durchschneiden oder auseinanderzukoppeln – das gelingt auch sehr gut, die Volkspolizisten geben sich geschlagen. Ein junger Offizier sagt mir, dass er sich sofort bei uns einreihen würde, wenn er denn nur wüsste, dass unser Protest von Erfolg gekrönt sein würde.

Gegen halb elf greifen die Panzer der Sowjets ein. Sie fahren langsam auf die Menschenmenge zu, um sie auseinander zu treiben. Wir suchen eilig Baumaterial von umliegenden Baustellen zusammen. Es gelingt mir und sechs weiteren Kollegen von meiner Baustelle, ca. zwei Meter lange und 15 Zentimeter starke Holzbalken heranzuschaffen und in die Ketten der Panzer zu stecken, sodass sie stehen bleiben müssen. Die Kommandeure senken daraufhin die Panzerrohre auf Kopfhöhe und drehen sie so im Kreis herum, dass wir von den Panzern ablassen müssen, um nicht erschlagen zu werden.

Etwa 50 Meter neben uns versuchen kaum 20-Jährige Männer in Arbeitssachen über einen Seiteneingang das Ministerium zu stürmen. Plötzlich fällt der erste Schuss. Einer der jungen Männer bleibt getroffen vor dem Seiteneingang liegen, die anderen stürmen panisch auseinander. Rings um uns prasseln nun Schüsse in die Luft und wahllos in die Menschenmenge. Wir rennen buchstäblich um unser Leben. Wir verharren in Häuserwinkeln, gefesselt von niederschmetternder Verzweiflung über die Machtlosigkeit, die Waffenungleichheit und die Feigheit der anderen vielen Hunderttausend in dieser Stadt.

Gegen 13 Uhr hat sich die Lage beruhigt, die Staatsmacht hat gesiegt, alles ist wie vorher – nur nicht für mich und die anderen, die denunziert und am nächsten Tag frühmorgens abgeholt werden. Dafür, dass mich ein anonymer Zeuge beim Abmarsch auf der Baustelle am Ostbahnhof erkannt hat, werde ich 6 Jahre inhaftiert. Als ich das Gefängnis verlasse, ist meine Mutter gestorben, ihr Hof gehört dem Staat. Ich ziehe zu Verwandten in Westdeutschland. Heute bin ich 78 Jahre alt.

Wenn ich mich in den letzten Jahrzehnten an die Zeit des Volksaufstandes von 1953 erinnerte, fragte ich mich oft, wie wohl heute Menschen in meiner Lage gehandelt hätten. Und immer wieder gelangte ich zu der Erkenntnis, dass es in den Jahren des Wirtschaftswunders und dem darauf folgenden Ausbau des Sozialstaates überhaupt keine Menschen in meiner Lage mehr gab. Egal, wie ungerecht Regierungen handelten, egal, wie sie versuchten und versuchen, einen utopischen Ideologiestaat aufzubauen – mit all den Phrasen von Menschengleichheit, von einer anzustrebenden multikulturellen Gesellschaft, von Selbstverwirklichung, von geschlechtlicher Gleichstellung bis hin zur totalen Auflösung naturgegebener Geschlechterrollen – es gab bald keinen mehr, der von sich behaupten konnte, in meiner Lage von damals zu sein. So kennt keiner mehr die Not, die zu erleiden oder zu bezwingen wir gefordert waren. Keiner kennt mehr das Gefühl, verantwortlich zu sein für mehr als nur sein eigenes Leben. Keinem kommt zu Bewusstsein, dass von seinem persönlichen Erkennen und Ergreifen der schicksalhaften Rolle im Leben seines Volkes letztlich alles abhängt.

Oft wurde ich gefragt, warum ich am 17. Juni 1953 nicht einfach zurück nach Hause gefahren sei und mich über den freien Tag gefreut hätte. Ich ertappte mich dabei, selbst nicht mehr zu wissen, warum. Doch wenn ich heute sehe, wie „gesellschaftliche Debatten“ oder „Warnstreiks“ ablaufen – und vor allem, was am Ende dabei stets herausgekommen ist – dann weiß ich es wieder und es erscheint mir so nahe liegend, wie es den meisten Deutschen heute fern liegender nicht erscheinen könnte: Worten müssen Taten folgen!

Wir ließen all das Gezeter um Arbeitsnormen und die Debatte um den nach sowjetischem Vorbild politisierten Staat nicht im leeren Raume stehen, sondern gingen auf die Straße, organisierten die Wut Tausender zum Protest, der mit einer einzigen Stimme sprach – einer unbewaffneten, aber so mächtigen Stimme, dass eine Weltmacht nur mit schwerem Kriegsgerät vorzugehen vermochte, um sie zu bändigen. Und hätten damals nicht Zehntausende, sondern Hunderttausende, ja, Millionen auf den Straßen gestanden – auch Schüsse hätten diese gewaltige Stimme nicht übertönen können.

Damals ging es um die greifbare Not des Einzelnen, die jedem vor Augen oder im Magen lag. Und doch war unser Volk nicht so gefährdet wie heute – lag doch die Geburtenrate 1953 noch bei 2,5 Kindern pro deutscher Frau. Heute hat sich diese Geburtenrate nahezu halbiert, wodurch sich unser Volk von Generation zu Generation um über 30% vermindert. Zur völkischen Not kommt nun schleichend unaufhaltsam abermals die persönliche, wenn es heißt, zum Wohle des internationalen Finanzsystems die Gürtel enger zu schnallen.

Wenn endlich das deutsche Volk erkennt, dass die, die schuld sind an jeder Intensivierung persönlicher Not auch schuld sind am Tod des ganzen Volkes, wenn gar unterstellt werden darf, dass es den Herrschern gerade um die Herbeiführung dieser – völkischen wie persönlichen – Not geht, da sie sich längst entschieden haben, für Interessen volksfremder Mächte und volksfeindlicher Ideologien und damit gegen ihr Volk einzustehen, dann wird ein Volksaufstand möglich, der die Massen von 1953 in seinen Schatten stellt. Meine Stimme wird dann wieder im gewaltigen Chor der Unterdrückten erklingen – und Deine?

17.06.10

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Kommentare

Abbio
17.06.10 um 10:36
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Kommentar 1

Sehr ergreifend geschrieben. Doch wo bleiben die Massen? Das Murren höre ich seit Jahren, doch ist es zu oft nur ein ohnmächtiges Winseln. Die Zeit wird zeigen, ob wir den Generationen vor uns gerecht werden.



sonne
17.06.10 um 11:53
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Kommentar 2

Genial. Richtig gut geschrieben!



Der nix hat
17.06.10 um 20:15
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Kommentar 3

Mein Vater war Kommunist, kannte Teddy Thälmann persönlich und viele alte Mitstreiter.

Doch eins hat er mir von klein an eingeimpft:

Für diesen Staat sind meine Kameraden nicht in den Tod gegangen!

Schon der Verrat am eignen ostpreußischen Volk, die Verfolgung Andersdenkender, die Entmündigung eines ganzen Volkes - gut dat is jetzt auch nicht besser oder anders, und und...

Seine Meinung: Steh auf, wenn Du was ändern willst. Jede Veränderung braucht Mitstreiter, von alleine kommt nix!



Fricka
08.07.10 um 19:21
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Kommentar 4

Ich habe Gänsehaut beim Lesen bekommen...
So wenige haben heute den Mut den Mund auf zu machen! Doch eine Stimme brauchen wir, aus dem Mund von Hunderttausenden!



Bobby
14.07.10 um 21:43
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Kommentar 5

Stillstand hat noch nie etwas bewegt!!!



Nils
30.09.10 um 04:16
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Kommentar 6

Danke für die Schilderung des Aufstandes ... ja und auch heute ist es so: DEN WORTEN MÜSSEN TATEN FOLGEN... danke für diesen Satz, sehe so viele gleichatrige maulen, meckern, resignieren ohne jemals versucht zu haben mit TATEN dieses System zu bekämpfen. Aber ich kann mich erinnern - PROTEST IST, ZU SAGEN WAS MIR NICHT PASST. WIDERSTAND HEISST ETWAS DAGEGEN ZU UNTERNEHMEN:

Mit Respekt und Hochachtung vor Ihrer Lebensleistung und den Preis, den Sie für Ihr rebellieren bezahlen mussten.
Ich werde diese Seite weiterempfehlen und mal Gefangenenbriefen beilegen - um die Zensur zu ärgern.



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