Wir halten es durchaus für möglich, dass ein Leser auf den Gedanken kommt, die in einem Tagebucheintrag aus dem Jahre 1988 beschriebene Erlebnisse von Freya Klier, mit denen, einer nicht ganz so weit zurückligenden Zeit zu verwechseln.
Ein lautes Geräusch, ich schrecke aus dem Schlaf. Bin für Sekunden wie benommen, habe keinerlei Gegenwartsbezug. Als es noch einmal laut an der Wohnung klopft, springe ich hoch: Das sind sie! Draußen ist es stockdunkel, beim dritten Mal donnert es an die Tür. Mein Kopf, während ich hinausstolpere, gleicht einer Sirene. Ich öffne und habe eine Klappkarte vor dem Gesicht: "Ziehen sie sich an, sie sind verhaftet!"
"Ich weiß", murmel ich. Meine Antwort verblüfft den Stasi-Chef. Sie gehen sofort zur Hausdurchsuchung über und verteilen sich auf die Zimmer. Ich sehe, wie sie die Spendengelder einpacken.
"Ihre Tochter soll sich anziehen. Sie wird einem Arzt vorgestellt und dann in ein Kinderheim eingewiesen." Panisch verweise ich auf einen Bekannten. Er hat eine ordentliche Vollmacht, meine Tochter soll sofort zu ihm gebracht werden. Das mit dem Kinderheim ist wieder so eine Schikane.
Der Stasi-Chef fragt mich, ob es noch jemand anderen gäbe, der eine Vollmacht hat. Ja, meine Freundin, aber die hat selbst zwei Kinder, die möchte ich nur im äußersten Notfall belasten. Ich poche noch einmal darauf, dass meine Tochter zu meinen Bekannten kommt.
Ich bin völlig taub, mein einziges Gefühl ist die Angst, mein Kind wecken zu müssen. Zitternd schiebe ich diesen entsetzlichen Moment auf und gehe ins Bad. Sofort heftet sich diese widerliche Frau von der letzten Hausdurchsuchung an mich. Während ich auf dem Klo sitze, betrachtet sie sich im Spiegel.
Sie fordern mich erneut auf, meine Tochter zu wecken. Ich herrsche den Beamten an, dass ich das schon nicht vergessen würde, und hole meine Knast-Kleidung aus dem Schrank: Einen langen Rock, um mein Selbstbewusstsein hochzuhalten, und ein Pullover, von meinem Mann.
Ich werde wieder aufgefordert. Jetzt ist es unaufschiebbar. Ich bitte die Stasi-Beamtin, mich für einen Moment mit meiner Tochter allein zu lassen. Die Bitte wird abgelehnt. Ich wecke sie, so zärtlich es mir möglich ist. Lange braucht sie, um überhaupt zu begreifen, worum es geht, dann schmiegt sie sich wortlos an mich und weint. Ich weine mit, streichle sie verzweifelt und küsse sie - flüstere, dass sie nicht ins Heim muss, sondern nur zum Arzt und dann gleich zu einem Freund kann. Dass Oma sie bald besuchen kommt und dass ich sie sehr liebe. Diese Stunde ist eine der trostlosesten meines Lebens.
Im hellen Lada, zwischen den Organen durch den morgendlichen Berufsverkehr, errichte ich ein Gitter um mich. In der Effektenkammer das altbekannte Spiel: Alles ausziehen, alles abgeben, sich überall betrachten lassen. Demütigungen, die wohl noch das Jahrhundert überdauern werden.
Freya Klier, eine führende DDR-Bürgerrechtlerin, Theaterregisseurin, Autorin und Filmemacherin, wurde 1988 mit ihrem Mann Stephan Krawczyk verhaftet und aus der DDR ausgebürgert. Im selben Jahr erschien ihr Buch "Abreiß-Kalender – ein deutsch-deutsches Tagebuch" und 1990 "Lüge Vaterland. Erziehung in der DDR".
17.01.12

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Walter
17.01.12 um 19:53
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Danke für den implizierten Buchtipp!
Freigeist
18.01.12 um 00:25
antworten
Guten Tag, Spreelichter.
Zunächst einmal danke für Eure Berichte, lese sie jeden Tag und danke für den Buch tipp. Meine Mutter hat in einem Kinderheim gearbeitet in Dresden und hatte ähnliche Probleme, da sie die Zustände des Heimes und die Psych..druck der Kinder oft laut aus gesprochen hat. Die Kinder wahren recht oft solche fälle, wo die Eltern verschleppt wurden.
Super-Teckel
19.01.12 um 16:58
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Klingt soweit "normal", die Kollegen von der linken Seite kennen das genauso. Bin mir immer nicht ganz sicher was für ein Kalkül da von Seiten der Behörden dahintersteht, da die Ergebnisse der Aktionen ja meistens gegen null gehen. Sicherung des Status quo oder was auch immer.