Auf dem Friedhof eines der Dörfer südlich der Kreisstadt Wartbrücken ist das Grab des Heinrich Siewert zu finden, der, wie die Inschrift auf dem einfachen Holzkreuz besagt, am 7. September 1939 ermordet wurde. Unter dieser Inschrift stehen die Worte: "Er ließ das Leben für seine Brüder."
Über den Tod dieses Mannes ist folgendes zu berichten:
Als die deutschen Bauern des Dorfes, von dem hier die Rede ist, eines Nachmittags nach Ausbruch des Krieges vom Nachbarort her Gewehrschüsse und dazwischen Wehrufe und Todesschreie vernahmen und dann von einem Geflüchteten erfuhren, dass die meisten seiner mit ihm aus dem Posenschen verschleppten Gefährten dort von den Polen auf schreckliche Weise umgebracht wurden, beschlossen sie, Haus und Hof zu verlassen und sich mit ihrer Habe in dem dichten Gebüsch der nahen Flussniederung zu verbergen.
Unter den Flüchtlingen, die sich noch am gleichen Tage vor Anbruch der Dunkelheit auf einer einsamen von Erlen und Weiden umsäumten Wiese zusammenfanden, war auch Heinrich Siewert, ein achtundzwanzigjähriger Bauer, mit seinem jungen Weib und seinem kleinen Kinde. In dieser Nacht dachten die wenigsten an Schlaf, zeigte doch der an vielen Stellen auflohende Feuerschein, dass die Polen auf ihrem Rückzug vor dem deutschen Heer zahlreiche Gehöfte und Getreideschober in Brand gesteckt hatten.
Kaum war der Morgen herangekommen, als Siewert und mit ihm einige beherzte Nachbarn sich zu einem Gang in das verlassene Dorf aufmachten. Sie wollten nachsehen, was dort geschehen war und dabei auch ein altes Leibgedingerpaar, von dem erst jetzt bekannt wurde, dass es zurückgeblieben sei, bergen und zu den anderen in Sicherheit bringen. Die geräumten Gehöfte lagen im aufbrechenden Frühlicht still und verlassen da und unbehelligt kamen die Männer zu dem Kätnerhause, in dem die beiden Alten wohnten.
Indes diese, unbeholfen und zittrig, willig alles mit sich geschehen ließen, von den anderen fortgeführt wurden, suchte Siewert, ihrer inständigen Bitte folgend, einige ihrer Habseligkeiten zusammen, um sie gleichfalls fortzuschaffen. Er wollte gerade mit dem fertigen Bündel den Hof verlassen, als er sich plötzlich von einem Trupp polnischer Soldaten entdeckt sah, die vor dem nächsten Hause standen und eifrig nach allen Seiten ausspähten.
Da ein Fluchtversuch auf dem einzigen ihm frei gebliebenen Wege den Feinden lediglich die Richtung zu seinen Gefährten gewiesen hätte, blieb der junge Bauer auf ihren Anruf stehen, legte seine Last nieder und ließ sich ruhig und gefasst von ihnen umringen. Sie fragten, nachdem sie festgestellt hatten, dass er Deutscher sei, nach dem Verbleib der Dorfbewohner und schlugen, als sie seine Antwort erhielten, unter wüsten Schimpfreden auf ihn ein.
Unter den scharfen Kolbenschlägen brach der Gefangene, dem die Hände fest zusammengeschnürt wurden, blutend in die Knie, und nur mit Mühe vermochte er, da ihm fast die Sinne schwanden, die Wort zu erfassen, die ihm der Anführer des Trupps ins Gesicht schrie. In einer Viertelstunde, so rief dieser in größter Wut, müsse er im Besitz aller Gespanne des Dorfes sein sowie des fortgebrachten Viehs, und sollte man es ihm in dieser Zeit nicht bringen, werde er Hof um Hof anzünden und jeden Deutschen, der ihm in die Hände falle, in die Flammen werfen lassen.
Taumelnd und schwer atmend erhob sich Siewert und richtete einen langen Blick auf die Dorfstraße, zu deren beiden Seiten mitten im Grün der Gärten sechsundzwanzig Höfe breit und wuchtig hingebaut standen. Auf die nochmalige Frage der Soldaten, ob er nun bereit sei, sie zu dem Versteck der Geflüchteten zu führen, nickte er nur kurz mit dem Kopf und schritt ihnen auf dem Weg in die Niederung voran. An der Kreuzung hinter dem letzten Hof aber wandte er sich nicht nach Norden zur Flüchtlingswiese, sondern bog nach der entgegengesetzten Seite ab und lief nun so eilig voraus, dass die Polen ihm kaum zu folgen vermochten.
In der Gier, die Dorfleute samt ihrer Habe bald vor sich zu sehen, folgten sie hastig dem Vorangehenden, ohne gewahr zu werden, dass dieser in dem dicht mit Unterholz bewachsenem Erlenwald, in den sie gekommen waren, einige Male die Richtung änderte und sie zuletzt ganz aus der Stromniederung heraus und in einen schier endlosen Wald geführt hatte.
Erst als sie nach einem fast halbstündigen Umherstreifen auf wiederholten Zuruf von dem Deutschen keine Antwort erhielten, schöpften sie Verdacht und drangen, auf einer tief im dichten Tannenwald gelegenen Lichtung angelangt, auf ihn ein, sie unverzüglich auf dem kürzesten Wege in das Dorf zurückzuführen.
Heinrich Siewert wusste nun, dass seine letzte Stunde gekommen sei. An den Stamm einer Tanne gelehnt, blickte er mit festgeschlossenen Lippen an den hassverzerrten Gesichtern seiner Feinde vorbei in das wunderbare klare Blau des herbstlichen Himmels. Er dachte an sein junges Weib und an den kleinen Sohn, den Erben seines Hofes, den sie ihm geboren.
Bereits aus vielen Wunden blutend, vernahm er plötzlich über den Wipfeln der Bäume ein mächtiges Brausen und gewahrte, mit letzter Kraft hinschauend, ein großes deutsches Geschwader, das in freier, stolzer Fahrt ostwärts zog. Den Blick unverwandt auf die im Schein der Sonne hell schimmernden Flugzeuge gerichtet, brach er unter den Bajonetten der Polen zusammen.
Sein schwer verstümmelter Körper wurde erst nach einigen Wochen, nachdem sein Heimatdorf bereits längst von deutschen Truppen besetzt und befreit worden war, gefunden und zur letzten Ruhe bestattet.
Erzählung nach einer wahren Begebenheit von Sigismund Banek
03.09.10

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Steffen
03.09.10 um 21:48
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Es ist immer wieder etwas besonderes an euren Beiträgen, die nicht nur heutige Probleme erfassen und analysieren, sondern auch solche, die riesige Debatten um was auch immer überflüssig machen. Solche kleinen Anekdoten aus der nahen Vergangenheit zeigen, wie es sich wieder wandeln sollte in diesem Land.
Sehr großes Lob!
Bobby
06.09.10 um 08:16
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"Der Dank ist dir gewiss"; heißt es oft in den Worten unserer alten Ahnen, und doch verzagen "Viele".
Diese Geschichten sind es, die in uns die Flamme erhalten und von "Neuem" entfachen!