
Nahezu krampfhaft versuchte er souverän zu wirken, Euphorie und Optimismus zu verbreiten. Doch es klang wenig überzeugend, abgelesen und vorformuliert. Vor laufenden Kameras den anwesenden Journalisten fadenscheinige Erfolgsmeldungen zu präsentieren, war an diesem Tag sein Job. Ob er selbst an die propagierten Erfolge glaubt? Es ist eigentlich schwer vorstellbar.
In einer Pressekonferenz stellte Phillip Rösler - Bundeswirtschaftsminister, südvietnamesisches Waisenkind, Vizekanzler der BRD - in der vergangenen Woche den Jahreswirtschaftsbericht 2012 (PDF) vor. "Alles bestens, die Wirtschaft blüht, der Wohlstand ist gerettet", könnte man den Grundtenor von Röslers Ausführungen zusammenfassen. Dabei wirkt der Bericht wie ein Sammelsurium allseits bekannter Phrasen und Floskeln, welche im Dauerzustand demokratischer Ohnmacht zur Verschleierung der eigenen chronischen Ideenlosigkeit herhalten müssen. Die vermeintlichen Heilsbringer Wachstum und Aufschwung genießen dabei eine zentrale Schlüsselrolle. So erfährt man bereits auf den ersten Seiten:
"Die deutschen Wachstumskräfte sind intakt. Die Menschen profitieren in mehrfacher Hinsicht vom Aufschwung: durch mehr Arbeitsplätze, durch höhere Einkommen und durch bessere Zukunftschancen."
An anderer Stelle lautet es:
"In einigen Regionen herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Der Beschäftigungsaufschwung kommt bei den Menschen an. Die Löhne steigen spürbar."
Aber selbst das von der Bundesregierung prognostizierte Abschwächen des Wirtschaftswachstums auf 0,7 Prozent im laufenden Jahr - der IWF sagt in seiner Konjunkturprognose für 2012 der deutschen Wirtschaft lediglich ein Wachstum von 0,3 Prozent voraus – kann Rösler nicht aus der Ruhe bringen. Stagnation oder gar Rezession? Mitnichten. Zustände, welche in der Gedankenwelt eines Wirtschaftsministers im Wohlstandssystem der BRD nicht zu existieren haben. Statt dessen Kreativität in der Wortwahl:
"Für die kommenden Monate ist eine vorübergehende Wachstumsdelle zu erwarten."
Das Finanzsystem Europas bröckelt vor sich hin. Griechenland droht der Staatsbankrott, andere Länder stehen in den Startlöchern, dem griechischen Beispiel zu folgen. Aus einer anfänglichen Bankenkrise ging eine länderübergreifende Staats- und Währungskrise hervor. Im Innern ahnt jeder, dass die auf Export getrimmte deutsche Wirtschaft, entgegen aller demokratischen Beteuerungen, wohl kaum mit einem blauen Auge davon kommen wird. Großzügig vorausgesagte Wachstumsprognosen werden nach und nach in Richtung Null nach unten korrigiert. Es scheint sich schlicht und ergreifend ausgeboomt zu haben - doch Rösler spricht von einer "vorübergehenden Delle".
Überzeugung? Selbstbetrug? Grenzenlose Realitätsferne? Wir wagten den Selbstversuch und probierten, die Welt für einen Tag durch die schmalen Augen eines Phillip Rösler zu sehen. Die Erfahrung war verblüffend: Der Logik Röslers folgend, mussten wir uns in Ausübung schärfster Selbstkritik eingestehen, dass wir viele Sachen oftmals viel zu engstirnig sahen und die Aussichten allgemein gar nicht so trüb sind, wie wir es an der einen oder anderen Stelle hier im Blog eventuell vermittelt haben.
So pflichtet uns Rösler sicherlich bei, wenn wir erkennen, dass die FDP noch lange nicht am Rand ihrer politischen Existenz angekommen ist, sondern lediglich unter einer "vorübergehenden Sympathiedelle" leidet. Auch mussten wir feststellen, dass die Liberalen keineswegs mit einer Medienkrise zu kämpfen haben, sondern einzig mit einer "vorübergehenden Berichterstattungsdelle". Im Allgemeinen ist die BRD auch nicht bis über beide Ohren verschuldet, die Staatskasse hat lediglich eine "vorübergehende Guthabendelle". Statt vor dem Aussterben der Deutschen zu warnen, erscheint es uns mittlerweile auch angemessener von einer "vorübergehenden Geburtendelle" zu reden. Und zu guter Letzt haben wir erkannt, dass Demokraten wie Rösler gar nicht von vorne bis hinten versagen, sondern sich in ihren Taten lediglich eine "vorübergehende Kompetenzdelle" widerspiegelt.
Es ist halt alles eine Frage der Sichtweise...
26.01.12

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Hagen
27.01.12 um 07:39
antworten
Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich obwohl dieser Artikel sehr Wahrheitsgemäß ist, vor Freude auf dem Boden Gewälzt habe.
Auch wenn ich zugeben muss, dass unserer Werter Bundeswirtschaftsminister sich steht’s die Mühe macht die Welt im modernen 16 zu 9 Format zu sehen. und deshalb wahrscheinlich nach schneller als wir erkannt hat, dass auf dem mit Dellen vorbelasteten Wagen eine weitere Delle aufgetaucht ist. Dem erfahrenden Auto Fahrer ist hingegen schon längst bekannt das ein Wagen auseinander bricht wenn seine Karosse zu viele Dellen besitzt. Auf diesen Tag warte ich mit Spannung.